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Mo, 12:39 Uhr
16.09.2013

Barriere Bundestagswahl

Am 22. September ist Bundestagswahl. Circa 62 Millionen Bundesbürger sind aufgerufen, den Bundestag zu wählen und ein Kreuz für eine Partei ihres Vertrauens zu machen. Für 12,1 Prozent Menschen in Deutschland ist das Grundrecht frei, gleich und geheim wählen zu können, nur schwer bzw. nicht zu bewerkstelligen...

Sie zählen zu den 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Kay aus Berlin gehört zu dieser Gruppe. Die Informationen eines Wahlplakates zu entschlüsseln, stellt ihn bereits vor eine große Herausforderung: „Das erschlägt einen förmlich. Das sind so viele kleine Informationen, die mich durcheinander bringen. Jetzt müsste ich erst einmal nachforschen und da fängt die Hürde schon an.“

Dies ist nicht einzige Barriere vor denen die Betroffenen stehen. Umfangreiche Informationen des Wahlzettels müssen eigenständig entschlüsselt werden, eventuell wird ein Kreuz gesetzt, ohne genau zu wissen, ob man das gewählt hat, was man auch wählen wollte. Wahlentscheidende Informationen aus der Tagespresse und die Wahlprogramme der Parteien können nur mit großen Schwierigkeiten bzw. oft auch nicht gelesen werden. In der Wahlkabine ist es dann schwierig das Kreuz zu setzen: „Ich habe mal die Partei gewählt, mal eine andere Partei. Dann bin ich mal nicht zur Wahl gegangen.“

Dieses Jahr ist Kay gut auf die Wahl vorbereitet. Beim Berliner Verein Lesen und Schreiben e.V. lernt er nun seit einem Jahr Lesen und Schreiben. Ingan Küstermann ist es wichtig, auch allgemeinbildende Themen, wie die Bundestagswahl im Unterricht zu thematisieren: „Die Wahl ist selbstverständlich Teil des Unterrichts und gehört zur politischen Grundbildung. Viele Betroffene sind schon an Politik interessiert, sehen aber oft politische Prozesse als zu weit von Ihrer Lebenswelt entfernt. Unsere Aufgabe ist es, die Forderungen und Aussagen der Parteien in einfacher Sprache herunter zu brechen, damit unsere Lerner die Informationen entnehmen und vergleichen können. Zusammenhänge mit ihrem Leben werden dann konkreter.“

Als Grundlage für den Unterricht werden die leicht lesbaren Wahlprüfsteine des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. verwendet. Wie bereits 2009 fragte er auch im Wahljahr 2013 bei den Parteien ihre politische Positionen ab. Die frisch eingetroffenen Antworten stellt er Lehrenden und Lernenden, beispielsweise in Alphabetisierungskursen, als Diskussions- und Lernmaterial zur Verfügung.

Unterstützt wurde der Bundesverband vom ARD-Wahlexperten und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, der sich seit mehreren Jahren für Alphabetisierung engagiert. Er beriet den Verband bei der Auswahl der wahlentscheidenden Themen. Zum Stellenwert der Prüfsteine meint er: „Wenn wir über die sinkende Wahlbeteiligung diskutieren, gehen wir in der Regel von aufgeklärten, politisch motivierten Menschen aus, die frei entscheiden, nicht zur Wahl zu gehen. Dass es Menschen gibt, die die Wahl als eine Barriere empfinden, weil sie beispielweise nicht ausreichend lesen und schreiben können, wird vielfach nicht beachtet. Hier muss etwas getan werden. Die Initiative, leicht verständliche Informationen bereitzustellen, kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.“

Die Initiative des Bundesverbandes, zur Bundestagswahl 2013 erneut die Wahlprüfsteine zu formulieren, wurde federführend von Andreas Brinkmann und Tim Tjettmers des BMBF-geförderten Projekts RAUS übernommen. Es informiert über gelungene Alphabetisierungsangebote im Strafvollzug, entwickelt Motivations- und Lernkonzepte, erstellt Lernmaterialien und veröffentlicht seine Ergebnisse und Materialien unter www.raus-blick.de. Die durch die Wahlprüfsteine gewonnenen Ergebnisse werden im Materialienpool veröffentlicht, damit Strafgefangene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten sowie Lehrende diese nutzen können.

Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung fasst zusammen: „Wahlprüfsteine sind eine sehr gute Möglichkeit, um unser wichtiges Thema Alphabetisierung noch stärker in politische Kontexte und vor allem in die Köpfe und Herzen der Entscheider zu tragen. Zudem wollen wir Partizipations-, Orientierungs- und Informationsmöglichkeiten für alle fördern! Wir freuen uns, dass wie bereits im Jahr 2009 wieder alle angefragten Parteien mitgewirkt haben.“
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