Di, 07:30 Uhr
03.03.2020
Aus der Sicht eines Landarztes
Hausärzte sind die vorderste Linie der Virusfront
Seit vierzehn Jahren bin ich Landarzt und habe schon einiges erlebt. Eine Situation wie jetzt ist neu. Am Anfang der Coronavirus-Epidemie in China habe ich eine Spezialseite auf meiner Praxishomepage angelegt, um gut zu informieren und vorbereitet zu sein, ohne zu ahnen, wie schnell es sich entwickeln würde......
Viele gute Ratschläge aus sicherer Distanz gibt es von KV, Kammer, dem RKI oder dem Gesundheitsministerium. Ich habe versucht sie alle auf meiner Praxishomepage zu präsentieren.
Wie läuft es an der Virenfront praktisch?
Als Hausarzt an der vordersten Kontaktlinie zu Patienten und deren Infektionen kommt es mir merkwürdig vor einen Infozettel an der Praxistür zu haben, damit Patienten mit Infektzeichen und möglichem Kontakt zu Coronavirusinfizierten sich erst telefonisch ankündigen.
Ich habe in der letzten Woche mehrmals Infektpatienten die typischen Fragen nach Croronakontakt gestellt. Einen Verdacht auch als Abstrich eingesendet (negativ). Mein Eindruck ist: Die meisten waren leicht erbost bei den Fragen. Wer möglicherweise in Quarantäne muss – die Medien zeigen es ja - wird sich jetzt vielleicht erst gar nicht mehr vorstellen und Kontakt mit einer Praxis aufnehmen. Viele könnten schon infiziert sein durch unbewussten Kontakt im ÖPNV, beim Einkaufen und an stark frequentierten öffentlichen Plätzen. Wir sollten daher viel mehr Abstriche bei Patienten mit Grippesymptomen machen, um ein schärferes Bild er Lage zu erhalten, auch wenn es jetzt mehr kostet. Wir sparen sonst wieder am falschen Ende.
Es gibt bei der Coronavirusinfektion eine Symptomatik die klinisch wie ein grippaler Infekt abläuft. Diese Symptomatik hat aktuell jeder dritte Patient in der Praxis. Alle vor der Tür stehen lassen?
Die Schlange ginge weit bis auf die Straße. Alle zu Hause besuchen?
Wann sollen wir fertig sein? Um Mitternacht?
Wie sollen dies die Gesundheitsämter, denn ohne uns allein schaffen?
Mein Medizintechnik-und Praxisbedarfsgroßhändler, der im Raum Südniedersachsen fast alle Praxen versorgt, hat keine Schutzmaske und keine Schutzkleidung mehr. Er liefert mir nächste Woche die letzte Charge Desinfektionsmittel. Käme alles auch aus China und verbliebe dort wegen Eigenbedarf, schilderte er mir den Engpass. Der Apotheker an der Ecke zuckt ebenfalls mit den Schultern. Alles ausverkauft. Es ging so schnell, ich glaube die wenigsten Praxen sind dauerbevorratet wie ein Krankenhaus. Und nun? Wer schützt uns in den Praxen an der Virenfront? Einen hohen Preis zahlen jetzt auch viele Bürger für wenige Schutzmasken (bis 30€ und mehr) pro Stück im Internet. Mit Angst werden auch Geschäfte gemacht.
Nah am Virus stehen jeden Tag aber wir Ärzte mit unserem Personal in der Praxis:
Wir brauchen Schutzkleidung, wenn wir Abstriche machen sollen zur Diagnostik
Wir brauchen Desinfektionsmittel.
Wir brauchen viel mehr Verdachtsabstriche um ein schärferes Bild der Infektionslage zu haben.
Wir brauchen Sonderkontingente an Schutzausrüstung reserviert für die Praxen.
Wir brauchen keine Beschwichtigung alles sei unter Kontrolle, denn für die Kontrolle sorgen wir.
Wir brauchen Mut zu handeln und haben keine Zeit zu warten.
Ich habe seit Jahren Schwierigkeiten für Notfallpatienten ein Krankenhausbett zu erhalten, nachdem viele Krankenhausbetten abgebaut wurden. Ob es jetzt besser läuft? Wo gibt es Platzreserven?
Die Politik sollte mutig entscheiden und vielleicht die Osterferien vorverlegen, oder tatsächlich mal ein bis zwei Wochen alle Schulen und öffentliche Einrichtungen schließen.
Die zuständigen Politiker senden die Botschaft, dass alles sei unter Kontrolle sei.
Die Bevölkerung stimmt schon jetzt auf ihre Weise ab, indem sie gerade die Läden leer kauft.
Was nützt uns denn ein toller Ablaufplan zu zielgerichteter Diagnostik, wenn ich mich und meine Mitarbeiter mangels Schutzausrüstung nicht selbst schützten kann?
Was wäre, wenn jetzt alle Praxen mal wegen Ausrüstungsmangel zwei Wochen Urlaub machen würden?
Noch stehen wir jeden Tag und behandeln. Die Vorräte werden knapp.
Wie lange soll das gehen? Bis zur letzten Schutzmaske? Bis zum letzten Milliliter Desinfektionsmittel?
Verehrte politisch Verantwortliche, lasst uns nicht allein!
Dr. med. Thomas Carl Stiller
Facharzt für Allgemeinmedizin
(Landkreis Göttingen)
Autor: ikViele gute Ratschläge aus sicherer Distanz gibt es von KV, Kammer, dem RKI oder dem Gesundheitsministerium. Ich habe versucht sie alle auf meiner Praxishomepage zu präsentieren.
Wie läuft es an der Virenfront praktisch?
Als Hausarzt an der vordersten Kontaktlinie zu Patienten und deren Infektionen kommt es mir merkwürdig vor einen Infozettel an der Praxistür zu haben, damit Patienten mit Infektzeichen und möglichem Kontakt zu Coronavirusinfizierten sich erst telefonisch ankündigen.
Ich habe in der letzten Woche mehrmals Infektpatienten die typischen Fragen nach Croronakontakt gestellt. Einen Verdacht auch als Abstrich eingesendet (negativ). Mein Eindruck ist: Die meisten waren leicht erbost bei den Fragen. Wer möglicherweise in Quarantäne muss – die Medien zeigen es ja - wird sich jetzt vielleicht erst gar nicht mehr vorstellen und Kontakt mit einer Praxis aufnehmen. Viele könnten schon infiziert sein durch unbewussten Kontakt im ÖPNV, beim Einkaufen und an stark frequentierten öffentlichen Plätzen. Wir sollten daher viel mehr Abstriche bei Patienten mit Grippesymptomen machen, um ein schärferes Bild er Lage zu erhalten, auch wenn es jetzt mehr kostet. Wir sparen sonst wieder am falschen Ende.
Es gibt bei der Coronavirusinfektion eine Symptomatik die klinisch wie ein grippaler Infekt abläuft. Diese Symptomatik hat aktuell jeder dritte Patient in der Praxis. Alle vor der Tür stehen lassen?
Die Schlange ginge weit bis auf die Straße. Alle zu Hause besuchen?
Wann sollen wir fertig sein? Um Mitternacht?
Wie sollen dies die Gesundheitsämter, denn ohne uns allein schaffen?
Mein Medizintechnik-und Praxisbedarfsgroßhändler, der im Raum Südniedersachsen fast alle Praxen versorgt, hat keine Schutzmaske und keine Schutzkleidung mehr. Er liefert mir nächste Woche die letzte Charge Desinfektionsmittel. Käme alles auch aus China und verbliebe dort wegen Eigenbedarf, schilderte er mir den Engpass. Der Apotheker an der Ecke zuckt ebenfalls mit den Schultern. Alles ausverkauft. Es ging so schnell, ich glaube die wenigsten Praxen sind dauerbevorratet wie ein Krankenhaus. Und nun? Wer schützt uns in den Praxen an der Virenfront? Einen hohen Preis zahlen jetzt auch viele Bürger für wenige Schutzmasken (bis 30€ und mehr) pro Stück im Internet. Mit Angst werden auch Geschäfte gemacht.
Nah am Virus stehen jeden Tag aber wir Ärzte mit unserem Personal in der Praxis:
Wir brauchen Schutzkleidung, wenn wir Abstriche machen sollen zur Diagnostik
Wir brauchen Desinfektionsmittel.
Wir brauchen viel mehr Verdachtsabstriche um ein schärferes Bild der Infektionslage zu haben.
Wir brauchen Sonderkontingente an Schutzausrüstung reserviert für die Praxen.
Wir brauchen keine Beschwichtigung alles sei unter Kontrolle, denn für die Kontrolle sorgen wir.
Wir brauchen Mut zu handeln und haben keine Zeit zu warten.
Ich habe seit Jahren Schwierigkeiten für Notfallpatienten ein Krankenhausbett zu erhalten, nachdem viele Krankenhausbetten abgebaut wurden. Ob es jetzt besser läuft? Wo gibt es Platzreserven?
Die Politik sollte mutig entscheiden und vielleicht die Osterferien vorverlegen, oder tatsächlich mal ein bis zwei Wochen alle Schulen und öffentliche Einrichtungen schließen.
Die zuständigen Politiker senden die Botschaft, dass alles sei unter Kontrolle sei.
Die Bevölkerung stimmt schon jetzt auf ihre Weise ab, indem sie gerade die Läden leer kauft.
Was nützt uns denn ein toller Ablaufplan zu zielgerichteter Diagnostik, wenn ich mich und meine Mitarbeiter mangels Schutzausrüstung nicht selbst schützten kann?
Was wäre, wenn jetzt alle Praxen mal wegen Ausrüstungsmangel zwei Wochen Urlaub machen würden?
Noch stehen wir jeden Tag und behandeln. Die Vorräte werden knapp.
Wie lange soll das gehen? Bis zur letzten Schutzmaske? Bis zum letzten Milliliter Desinfektionsmittel?
Verehrte politisch Verantwortliche, lasst uns nicht allein!
Dr. med. Thomas Carl Stiller
Facharzt für Allgemeinmedizin
(Landkreis Göttingen)