Sa, 10:00 Uhr
25.12.2021
Jetzt im Erfurter Dom St. Marien
Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr
"Weihnachtskrippen erfreuen sich großer Beliebtheit. In Pandemiezeiten, in denen es leider Zugangsbeschränkungen für Gottesdienste geben muss, haben die Weihnachtskrippen an Bedeutung gewonnen." So beginnt die Predigt des Bischofs heute um 10 Uhr im Erfurter Dom...
"In fast jeder Kirche ist eine Weihnachtskrippe aufgebaut. Die Menschen sind eingeladen, in den Weihnachtstagen diese Krippen zu besuchen und zu bestaunen. Das kann auch ein Ersatz sein für einen gemeinsam gefeierten Gottesdienst, denn die Krippe führt das vor Augen, was in den Texten und Liedern der Weihnachtsgottesdienste verkündigt und besungen wird: Der große Gott kommt als hilfsbedürftiger Säugling in die Welt. Wie alle Babys braucht auch er eine Windel. So deutlich beschreibt der Evangelist Lukas die Menschlichkeit des göttlichen Kindes. Wir sehen vor uns die Bilder von hilfsbedürftigen kranken Menschen auf der Intensivstation oder die Bilder von frierenden Kindern im Niemandsland zwischen Belarus und Polen.
Als Erfinder der Weihnachtskrippe gilt der Hl. Franziskus von Assisi. Sein Biograph, Thomas Celano, berichtet in seiner Biographie über die Weihnachtsfeier des Jahres 1223 in einer Einsiedelei bei Greccio, einem kleinen Ort in den Sabiner Bergen. Franziskus von Assisi bat den adeligen Johannes, in einem echten Stall eine lebende Krippe mit Menschen und Tieren zu inszenieren. Nach dem Zeugnis des Biographen sagte Franziskus von Assisi zu Johannes: Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in einer Krippe gelegt, an der Ochs und Esel gestanden, und wie es auf Heu gebetet wurde, so greifbar als möglich machen. In der Weinnacht selbst kamen viele Brüder des Hl. Franziskus und viele Menschen aus der Umgebung, um sich wie der Hl. Franziskus in das Geheimnis der Weihnacht hineinziehen zu lassen.
Doch dem Hl. Franziskus ging es um mehr. Er wollte sich nicht nur wie in einem Bibliodrama möglichst lebensnah in das Berichtete hineinbegeben, sondern er wollte in möglichst großer Tiefe erfassen, was es heißt, dass im Kind von Bethlehem Gott selbst Mensch geworden ist. Dazu machte er etwas sehr Außergewöhnliches, wofür er sich eigens die Erlaubnis des Papstes Honorius III. einholte: Mitten in der lebendigen Krippe feierte ein Priester die Eucharistie, also die Christmette. Der Hl. Franziskus hat die Priesterwürde zeitlebens abgelehnt, war aber Diakon und durfte so auch in dieser berühmt gewordenen Christmette predigen. Nachdem er das Weihnachtsevangelium vorgesungen hatte, hielt er die Predigt vom Deus semper minor: Gott ist immer kleiner, in der Ohnmacht immer noch mächtig, im Tod immer noch lebendig, im Kleinen groß, im Kind der unbegreifliche Gott.
Durch die Feier der Eucharistie mitten in der lebendigen Krippe wurde dem Hl. Franziskus und wohl auch allen, die dabei waren, bewusst, dass Weihnachten nicht nur ein Rückblick in die Geschichte ist, die Erinnerung an einen Geburtstag, der erstaunlicher Weise auch nach 2000 Jahren noch in der ganzen Welt begangen wird, sondern dass Weihnachten uns auch heute in Berührung bringt mit einem Gott, dessen Liebe zu uns so groß ist, dass er so ohnmächtig werden kann wie ein Kind. Die Berührung mit dem Gott und Vater Jesu Christi hilft uns, ja zu sagen zu unserer Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit. Jeder Mensch ist auf die Hilfe anderer angewiesen, nicht nur der pflegebedürftige Mensch: Ich kann nicht alleine das Bistum Erfurt leiten. Ich kann mein Brot nicht selbst backen. Ich brauche in vielem die Hilfe anderer. Diese Einsicht kommt mir im Blick auf die Krippe, in der ein Kind liegt, das in Windeln gewickelt ist. Nach dem Zeugnis des Lukasevangeliums ist dieses Baby das Zeichen dafür, dass uns der Retter geboren ist, der Christus, der Herr. Der allmächtige Gott ein ohnmächtiges Kind! Das führt mir meinen Machthunger vor Augen: die Neigung, zu entscheiden, wo es lang geht, ohne mit anderen zu überlegen und zu beraten und gemeinsam den richtigen Weg zu suchen; oder die Neigung, recht haben zu wollen, dem anderen gar nicht richtig zuzuhören oder ihn in Grund und Boden zu argumentieren. Diese Haltung führt zu der Polarisierung, die wir zurzeit in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche erleben. Der Blick auf die Krippe kann uns bescheiden und demütig machen. Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten Dichter von Kirchenliedern hat das vor über 350 Jahre so besungen: Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht sattsehen; / und weil ich nun nichts weiter kann, / bleib ich anbetend stehen. / O dass mein Sinn ein Abgrund wär / und meine Seel ein weites Meer, / dass ich dich möchte fassen!
Bischof Ulrich Neymeyr
Autor: red"In fast jeder Kirche ist eine Weihnachtskrippe aufgebaut. Die Menschen sind eingeladen, in den Weihnachtstagen diese Krippen zu besuchen und zu bestaunen. Das kann auch ein Ersatz sein für einen gemeinsam gefeierten Gottesdienst, denn die Krippe führt das vor Augen, was in den Texten und Liedern der Weihnachtsgottesdienste verkündigt und besungen wird: Der große Gott kommt als hilfsbedürftiger Säugling in die Welt. Wie alle Babys braucht auch er eine Windel. So deutlich beschreibt der Evangelist Lukas die Menschlichkeit des göttlichen Kindes. Wir sehen vor uns die Bilder von hilfsbedürftigen kranken Menschen auf der Intensivstation oder die Bilder von frierenden Kindern im Niemandsland zwischen Belarus und Polen.
Als Erfinder der Weihnachtskrippe gilt der Hl. Franziskus von Assisi. Sein Biograph, Thomas Celano, berichtet in seiner Biographie über die Weihnachtsfeier des Jahres 1223 in einer Einsiedelei bei Greccio, einem kleinen Ort in den Sabiner Bergen. Franziskus von Assisi bat den adeligen Johannes, in einem echten Stall eine lebende Krippe mit Menschen und Tieren zu inszenieren. Nach dem Zeugnis des Biographen sagte Franziskus von Assisi zu Johannes: Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in einer Krippe gelegt, an der Ochs und Esel gestanden, und wie es auf Heu gebetet wurde, so greifbar als möglich machen. In der Weinnacht selbst kamen viele Brüder des Hl. Franziskus und viele Menschen aus der Umgebung, um sich wie der Hl. Franziskus in das Geheimnis der Weihnacht hineinziehen zu lassen.
Doch dem Hl. Franziskus ging es um mehr. Er wollte sich nicht nur wie in einem Bibliodrama möglichst lebensnah in das Berichtete hineinbegeben, sondern er wollte in möglichst großer Tiefe erfassen, was es heißt, dass im Kind von Bethlehem Gott selbst Mensch geworden ist. Dazu machte er etwas sehr Außergewöhnliches, wofür er sich eigens die Erlaubnis des Papstes Honorius III. einholte: Mitten in der lebendigen Krippe feierte ein Priester die Eucharistie, also die Christmette. Der Hl. Franziskus hat die Priesterwürde zeitlebens abgelehnt, war aber Diakon und durfte so auch in dieser berühmt gewordenen Christmette predigen. Nachdem er das Weihnachtsevangelium vorgesungen hatte, hielt er die Predigt vom Deus semper minor: Gott ist immer kleiner, in der Ohnmacht immer noch mächtig, im Tod immer noch lebendig, im Kleinen groß, im Kind der unbegreifliche Gott.
Durch die Feier der Eucharistie mitten in der lebendigen Krippe wurde dem Hl. Franziskus und wohl auch allen, die dabei waren, bewusst, dass Weihnachten nicht nur ein Rückblick in die Geschichte ist, die Erinnerung an einen Geburtstag, der erstaunlicher Weise auch nach 2000 Jahren noch in der ganzen Welt begangen wird, sondern dass Weihnachten uns auch heute in Berührung bringt mit einem Gott, dessen Liebe zu uns so groß ist, dass er so ohnmächtig werden kann wie ein Kind. Die Berührung mit dem Gott und Vater Jesu Christi hilft uns, ja zu sagen zu unserer Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit. Jeder Mensch ist auf die Hilfe anderer angewiesen, nicht nur der pflegebedürftige Mensch: Ich kann nicht alleine das Bistum Erfurt leiten. Ich kann mein Brot nicht selbst backen. Ich brauche in vielem die Hilfe anderer. Diese Einsicht kommt mir im Blick auf die Krippe, in der ein Kind liegt, das in Windeln gewickelt ist. Nach dem Zeugnis des Lukasevangeliums ist dieses Baby das Zeichen dafür, dass uns der Retter geboren ist, der Christus, der Herr. Der allmächtige Gott ein ohnmächtiges Kind! Das führt mir meinen Machthunger vor Augen: die Neigung, zu entscheiden, wo es lang geht, ohne mit anderen zu überlegen und zu beraten und gemeinsam den richtigen Weg zu suchen; oder die Neigung, recht haben zu wollen, dem anderen gar nicht richtig zuzuhören oder ihn in Grund und Boden zu argumentieren. Diese Haltung führt zu der Polarisierung, die wir zurzeit in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche erleben. Der Blick auf die Krippe kann uns bescheiden und demütig machen. Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten Dichter von Kirchenliedern hat das vor über 350 Jahre so besungen: Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht sattsehen; / und weil ich nun nichts weiter kann, / bleib ich anbetend stehen. / O dass mein Sinn ein Abgrund wär / und meine Seel ein weites Meer, / dass ich dich möchte fassen!
Bischof Ulrich Neymeyr