299 evangelische Kirchen gibt es zwischen Südharz, Kyffhäuser und Hainich, 239 Kirchgemeinden und etwas über 53.800 Gemeindemitglieder, für die Seelenheil und Verkündigung in drei Kirchenkreisen organisiert wird. Im Angesicht der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts soll aus der Dreiteilung nun ein Ganzes geschmiedet werden, der Kirchenkreis Nordthüringen. Was das für Kirche und Gläubige bedeutet, hat die nnz in Erfahrung gebracht…
Auch die Blasii-Gemeinde in Nordhausen findet sich bald unter dem Dach eines größeren Konstrukts wieder: am Donnerstag wird die Vereinigung der Nordthüringer Kirchenkreise in Mühlhausen unterzeichnet (Foto: agl)
Das Herz des evangelischen Kirchenkreises Südharz schlägt in den Gemeinden, der Kopf aber sitzt in Nordhausen, in einem unscheinbaren Stadthaus in der Spiegelstraße. Lange und hart hat man hier und andernorts in Nordthüringen miteinander in den letzten Jahren über Karten und Konsequenzen gegrübelt und überlegt, wie aus drei Teilen Eins werden kann.
Die Größe der Aufgabe erahnt man beim ersten Blick auf die finale Karte: ein großer Kirchenkreis Nordthüringen, der sich vom Südharz bis an den Hainich zieht, ein Gebiet, in dem rund 326.000 Thüringer und Thüringerinnen leben. Fast 18 Prozent davon sind nach wie vor Mitglieder der evangelischen Kirche und viele mehr nehmen das, was die Kirche auch heute noch zu bieten hat, früher oder später in Anspruch, auch ohne Kirchensteuer zu zahlen.
Im Angesicht der Herausforderungen der Moderne kehre man ein Stück weit wieder zu den Wurzeln des Evangeliums zurück, sagt Schwarze, dem Priestertum aller Getauften - weniger hauptamtliche Arbeit ordinierter Pfarrer, mehr Selbstverantwortlichkeit guter Christenmenschen in der Region. Drei ordinierte Prädikanten zählt man bereits jetzt im Kirchenkreis Südharz - ehrenamtliche Laien, die all das tun können und dürfen, was ein Pfarrer tut - ohne Studium der Theologie aber mit mehrjährigem kirchlichen Fernunterricht, Praktika und Mentoring im Rücken. Mit Brigitte Wolff aus Auleben hat man zudem eine ordinierte Pfarrerin, die ihrer Verkündigungsarbeit ebenfalls ehrenamtlich nachgeht.
Regina Englert und Andreas Schwarze vom Kirchenkreis Südharz (Foto: alg)Wir haben Orte gesehen, die standen kurz davor, aufgegeben zu werden. Dann zieht da jemand hin, eine Familie vielleicht, Leute die Verantwortung übernehmen, jemand sperrt die Kirchentür auf, entzündet die Kerzen, stellt Blumen auf den Altar, die Leute gehen wieder in die Kirche und nach und nach entsteht wieder eine Gemeinde., erzählt der Superintendent, in Zukunft werde solch ehrenamtliches Engagement noch wichtiger werden.
Die Zwänge der neuen Zeit
Dass der Schritt hin zu einer größeren Struktur unausweichlich sein würde, dass ist den Verantwortlichen schon seit einiger Zeit klar. Der demographische Wandel macht auch vor dem Gemeindehaus nicht Halt, die Zahl der Kirchenaustritte liegt noch über dem statistischen Bevölkerungsschwund, theologischer Nachwuchs mit Priesterwürden ist rar gesät und auch die finanziellen und strukturellen Mittel schwinden über kurz oder lang.
Erste Planspiele zur Zukunft des Kirchenalltages wurden im Südharz schon vor einem Jahrzehnt durchgeführt. An manchen Stellen haben wir schon über die Grenzen unserer Kirchenkreise hinweg zusammengearbeitet, etwa Seelsorge für Gehörlose. Da gibt es seit langem nur eine Mitarbeiterin für drei Kirchenkreise. Solche Punkte finden sich auch in den Kirchverwaltungen und der Schluss lag nahe, den nächsten Schritt zu machen und zusammen zu gehen, berichtet Regina Englert, die als Pressesprecherin schon seit zwei Jahren nicht mehr nur allein den Südharzer Kreis mit Nordhausen, Sondershausen und Bad Frankenhausen, sondern auch den zweiten Teil des Trios, den Kirchenkreis Mühlhausen, abdeckt und den großen Wurf mit begleitet und vorbereitet.
Die Kirche wird nicht im Dorf gelassen
Über die Neustrukturierung hofft man auch die Arbeit in den Kirchengremien entlasten zu können, die in weiten Teilen ebenfalls im Ehrenamt stattfindet. Die Südharzer Kreissynode etwa umfasst zur Zeit 51 Mitglieder, die Mehrheit, also mindestens 26 Personen, müssen Ehrenamtler sein. Jede Position braucht zwei Stellvertreter, man muss im Kirchenkreis also dreimal 26 Personen finden, die bereit sind, sich in der Synode zu engagieren. Unter der Neustrukturierung müssten es beispielsweise aus dem alten Kirchenkreis Südharz nur noch dreimal neun sein, erläutert Englert. Die Synode insgesamt müsste mit 65 Synodalen plus Stellvertretern etwas größer ausfallen, vor Ort werden die alten Strukturen aber entlastet, so der Plan.
Die Hauptamtliche Arbeit von Verkündigung - also Gottesdienste, Andachten und dergleichen sowie die Seelsorge wird in Zukunft in der Breite, wenn man das Gebiet des alten Kirchenkreises Südharz betrachtet, von 16 Menschen verrichtet, darunter noch acht Pfarrer, vier Gemeindepädagogen und vier Kirchenmusiker. Hinzu kommen Fachleute für Sonderseelsorge und Jugendarbeit sowie die Leitungsebene, sodass sich das große Konstrukt im Südharz auf insgesamt 20 Mitarbeiter verschlankt. Wir gehen weg von dem einen Kirchturm im Dorf hinaus in die Fläche, aus den Grenzen des Pfarrbereichs in die Region und das ist der Punkt, an dem wir unserer Mitglieder in die Verkündigungsarbeit einbeziehen, eben das Priestertum aller Getauften, erläutert Schwarze.
Ohne Präzedenz ist das nicht, man stehe vor den gleichen Herausforderungen wie andernorts auch, sagt der Superintendent. In der Mitte und in Südthüringen haben sich die dortigen Kirchenkreise bereits zusammengeschlossen, bis Anfang 2027 werden auch der Norden und Osten folgen, ähnlich sieht es bei den Nachbarn rund um den Harz aus.
Leichte Schritte haben die Kirchenleute nicht zu erwarten, der Widerstand gegen Veränderung ist von weitem absehbar und so hat man, um es mit Luther zu sagen, den Menschen nun schon seit ein paar Jahren aufs Maul geschaut und den großen Schritt in kleinteiliger Arbeit mit den verantwortlichen Ehren- und Hauptamtlichen in den Gemeinden abgestimmt. Eine Lenkungsgruppe aus vielen Verantwortlichen der drei Kirchenkreise hat intensiv an diesem Prozess gearbeitet. In diesem Zeitraum wurde auch das Lichternetzwerk ins Leben gerufen, um gemeinsam mit den Gemeinden Ideen zu sammeln, zu besprechen und zu verbreiten. Regionale Strukturen müssen aufgebaut werden und nicht in allen drei Kirchenkreisen gibt es bereits die Arbeitsgröße Region. Auch nach der Fusionierung soll das Netz weitergesponnen werden und Hilfe auch bei schwierigen Fragen bieten. Es ist klar, dass von oben weniger Mittel kommen werden, was aber nicht heißen muss, dass man im Stillstand verharrt. Fördertöpfe und Gelder gibt es, sie kommen nur nicht zwingend über den Kirchenkreis. Hier die Selbstverantwortlichkeit zu finden wird Teil der Aufgabe sein und wo Unterstützung nötig ist, etwa im Antragswesen, kann das regionale Pfarrbüro dann später potentiell unterstützen, erläutert Englert.
Das dass möglich ist, zeigt ein Blick nach Ellrich und die Netzwerkkirche St. Johannis, die auch durch das Engagement der Gemeindemitglieder und des Kirchenbauvereins wieder von zwei prächtigen Türmen gekrönt wird. Das heißt nicht automatisch das da jetzt in Ellrich die Mitgliederzahlen in die Höhe schnellen und alle wieder in die Kirche gehen. Aber man merkt im Ort: da ist etwas heil geworden und nicht nur im spirituellen Sinn. Die Erfahrung hat die Menschen zusammengebracht und die Kirche für die Gesellschaft geöffnet, ebenso wie es der Grundgedanke war, erzählt Schwarze.
Die Schließung von Kirchen oder gar der Abriss auch nur eines der 299 Nordthüringer Gotteshäuser steht für Schwarze außer Frage, man müsse in der Abstimmung mit den Gemeinden vielmehr dafür sorgen, dass die Häuser offenbleiben, auch hier wieder, in dem vor Ort Verantwortung übernommen wird.
Im Detail hat man die Fusionsvereinbarung der Synoden auf neun Seiten niedergelegt, am Donnerstag um 11 Uhr soll das Papier in der Blasii-Kirche unterzeichnet werden. Allerdings nicht in der Nordhäuser St.-Blasii-Kirche, sondern in der Divi-Blasii-Kirche in Mühlhausen. Schwarze wird aller Voraussicht nach als Superintendent der Kopf des Kirchenkreises bleiben, der Hauptsitz der Superintendentur zieht allerdings aus der Spiegelstraße gen Mühlhausen. In Nordhausen verbleiben die Stellvertretung des Superintendenten und das Kreiskirchenamt.
Wohin sich der Kopf dabei wendet, soll im Idealfall aber letztlich auch nur den Kopf interessieren, das Herz der Gemeinden schlägt weiter vor Ort und wenn die Dinge so laufen, wie man sie sich über die letzten Jahre gemeinsam erdacht hat, dann sollte das einfache Gemeindemitglied im Schatten des eigenen Kirchturmes von den großen Änderungen in der Struktur gar nicht viel mitbekommen. Angelo Glashagel