Eine gute Woche bleibt noch, um der Landesgartenschau am Rande Leinefeldes einen Besuch abzustatten. Die nnz hat die Chance noch einmal genutzt, um sich Herbstbepflanzung, Blumenblock und ein Meer aus über tausend Dahlien anzusehen. Ein Rundgang lohnt sich auch für Pflanzenmuffel ohne Grünen Daumen, musste unser Redakteur feststellen…
Herbstbesuch auf der Leinefelder Landesgartenschau (Foto: agl)
Es gibt Zeitgenossen, die haben es jetzt eher nicht so mit den Blumen. Sieht hübsch aus. Duftet (vielleicht) gut. Macht viel Arbeit, tut sonst nichts. Ehe eine Blüte dran ist, fragt sich der Unwissende beim Blick ins Grün, was es wohl werden mag und ob da nicht vielleicht doch Platz für etwas wäre, das geerntet werden kann.
Nun geht es in der Familie nicht allen so, mindestens eine Dame aus dem Hause Glashagel hat einen ausgesprochenen Hang zu hübschen Blumen und so verbeißt man sich den Sarkasmus, lädt zum Rundgang auf der Landesgartenschau und hofft, dass es zumindest ansehnlich werden wird. Mit ehrlichem Interesse konnte nur der viel gelobte Blumenblock rechnen, ein alter Plattenbau, der zu einer Zeitreise in die DDR und die Leinefelder Geschichte einlädt. Soweit der Wissensstand der beiden Pflanzenmuffel im Reisetrio zu Beginn.
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Auf den ersten Schritten sieht man die Erwartung bestätigt: Herbstblumen und die ersten Dahlien sind wirklich hübsch, das eine oder andere Pflänzchen würde sich im Garten vielleicht doch wirklich gut machen, alles ist beschriftet, man macht sich Notizen. Doch. Sehr schön.
Schon am Eingang grüßt große Blumenpracht (Foto: agl)Noch ist der Morgen jung, der Himmel grau und die Besucherzahl überschaubar, also gleich rein in den Blumenblock, ehe es voll wird. Schon von außen ist der interessant gestaltet, riesige Libellen hängen vor begrünten Balkons, der Kontrast zur vom Alter schwer gezeichneten Fassade muss gewollt sein, was drinnen alles wartet, lässt sich aber noch nicht erahnen.
Den Vorschlag des netten Mitarbeiters am Eingang, direkt von oben zu beginnen, nimmt man an und so rumpelt man mit einem Baustellenaufzug in das oberste Geschoss.
Zeitreisen
Hier geht es auf Zeitreise, allerdings nicht in die ferne Vergangenheit und für die jüngere Generation gibt es den ersten Aha-Moment: Leinefelde war einst die jüngste Stadt der DDR. Den Titel trägt man nicht allein der vielen jungen Anwohner wegen, sondern vor allem, weil aus dem 2..500-Seelen-Dorf Leinefelde ab den 60er Jahren eine Industriestadt mit 15.000 Einwohnern wurde. Viele junge Familien zieht es ins Eichsfeld, es gibt gute Jobs und gute Wohnungen. Das wirkt bis heute nach, ist von den umherwuselnden Team aus Ehrenamtlichen zu erfahren, die Bevölkerungsprognose ist, anders als in vielen anderen Orten der Region, zumindest stabil.
Als wäre es der erste Tag: im Blumenblock wurde ausführlich berichtet (Foto: agl)Während man lauscht, der Blick aus dem Fenster geht und über das große Gartenschaugelände schweift, folgen zwei weitere Erkenntnisse. Erstens: die LGS wurde im April eröffnet, der gute Herr, der hier mit Verve über das Geschehen spricht, hat die gleichen Fakten und Geschichten wahrscheinlich schon tausendfach zum Besten gegeben, wirkt aber genuin so, als wäre es der erste Tag. Grundsätzlich scheint die ganze Truppe im Blumenblock mit Herz bei der Sache zu sein, auch noch nach Monaten.
Ein großes Loblied auf die Ehrenamtler singt man auch im Leinefelder Rathaus. Wir haben bisher rund 275.000 Besucher gezählt und gerade an den letzten Wochenenden hat man am Eingang Schlange stehen müssen. Das ist schön, bringt aber auch alle ans Limit. Gerade da muss man unterstreichen, dass immer noch alle mit vollem Einsatz dabei sind, gerade auch die Ehrenamtler. Und es ist nicht so, dass hier am 11. Oktober der Hammer fällt und dann ist Schluss. Viele aus dem Team haben schon angekündigt, auch dann noch mit anzupacken, wenn keine Besucher mehr kommen und bei den nächsten Schritten zu helfen, sagt der Amtsleiter für Tourismus, René Weißbach gegenüber der nnz.
An letzteren Punkt schließt sich Gedanke Zwei an, der schon beim Besuch im Blumenblock präsent wird: man hat sich offenbar viele Gedanken darum gemacht, wie es nach der großen Blumenschau wweitergehen soll. Die alte Platte wird nach dem Ende nicht wieder verwaist da stehen, neue und moderne Wohnungen sollen entstehen, die nötigen Vorarbeiten hat man soweit als möglich gleich mit erledigt. Eine Ahnung davon, wie es wird, geben ein Modell und die großen Fenster im Loft. Wie mit dem Rückbau alter DDR-Bausubstanz auch umgegangen werden kann, ist im Block mit großformatigen Bildern zu sehen - statt die großen Klötze dem Erdboden gleichzumachen, wurde punktuell zurückgebaut und so kleinere und auch optisch ansehnlichere Wohneinheiten geschaffen.
An der Platte bleibt man nicht stehen. Im Ostteil der Landesgartenschau, der im Moment noch von Galagärten und Blumenwiesen bestimmt wird, soll mit der Gartenstadt ein neues Wohngebiet entstehen. Die Infrastruktur, die man für die LGS ohnehin schaffen musste, wird weiter genutzt, Wegebeziehungen, Spielplätze und die nötigen Medien im Untergrund wurden schon gebaut, wenn die Zeit kommt, müssen eigentlich nur neue Häuser oben drauf. Begrünte Wiesen und das kleine Bächlein, dass man für die Gartenschau aus der Versenkung befreit hat, liegen dann in direkter Nachbarschaft.
Alle zehn Tage ein kreatives Feuerwerk
So, nun aber weiter und zurück in die Vergangenheit, die alte DDR-Wohnung lockt. Ein paar dunkle Erinnerungen werden da auch bei den Nachgeborenen noch wach, den Älteren steht ein breites Grinsen im Gesicht. Mit viel Liebe zum Detail wurde die Musterwohnung eingerichtet, sogar im Besteckkasten in der Küche geht es gut gefüllt und historisch korrekt zu. Ein alter Robotron Rechner im Arbeitszimmer, eine Wäscheschleuder im kleinen Bad (war ein Lebensretter), Telefon mit Wählscheibe (Oho!), das Sonntagsgedeck auf dem Wohnzimmertisch (steht daheim immer noch im Schrank), Brotschneidemaschine an der Durchreiche der Küche (hatten wir schon elektrisch). Man darf in Erinnerung schwelgen und der Blick zurück ist sehenswert, das war es dann aber nun mit den Highlights für die Fraktion Pflanzenmuffel, oder? Mitnichten.
In den folgenden Etagen kommen die Skeptiker aus dem Staunen nicht heraus. Zunächst geht’s erst einmal avantgardistisch zu, Studenten der Bauhaus-Uni zu Weimar haben hier den Spuk im Hochhaus inszeniert, zeigen eigenwillige Kunstwerke in Verbindung mit Alltagsgeräuschen aus dem Leben in der Platte. Das wird nicht jedermanns Sache sein, wer mit einem Hang zum Skurrilen gesegnet ist, kann aber schön ins Interpretieren kommen.
Stillleben zu Stillleben - 12 wechselnde Floristik-Ausstellungen waren im Blumenblock über die letzten Monate zu sehen (Foto: agl)
Eine Etage weiter unten dann, wie der eher historische Interessierte Besucher nun unumwunden zugeben muss, das eigentliche Highlight im Blumenblock: die Großinstallationen des Floristik-Meisters Christopher Ernst. Ein kreatives Feuerwerk entfaltet sich vor dem Betrachter, jeder Raum ist detailreich, kunstvoll und ästhetisch anspruchsvoll gestaltet, hat ein eigenes Thema. Hier wabern sanft Dunstschwaden zwischen herbstlichen Arrangements, dort dominiert Silber, da Gold, da das satte Grün, dort prächtiges Purpur, hinter jeder Ecke eine neue Überraschung. Die Krönung der Sache: die Ausstellung ändert sich alle paar Wochen komplett, auf zwölf vollkommen unterschiedliche Installationen wird das Team um den deutschen Floristik-Meister Ernst am Ende kommen. Dass sich mit Gesträuch und bunten Blümchen solcher Zauber entfachen lässt, wer hätte es gedacht. Die Fraktion Muffel ist ehrlich und freudig überrascht.
Tausende und Millionen
Draußen vor der Tür ist inzwischen die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen und die Gartenschau zeigt sich im Licht von ihrer besten Seite. Man flaniert entspannt vorbei an Mustergärten, Blumenbeeten und der alten Wüstung Kirrode, die aus dem Dunkel der Geschichte gehoben wurde und zur Erkundung einlädt.
Blütenpracht wohin man blickt, auch im Bereich "Gartenstadt" (Foto: agl)
Nach kurzer Stärkung geht es weiter in die Gartenstadt, fünf Hektar
Fläche mit acht Themengärten, in denen sich auch Inspiration für den eigenen Schrebergarten und manch schönes Fotomotiv findet. Schließlich das große Dahlien-Feld.
170 verschiedene Arten und rund 1.700 Pflanzen stehen in voller Blüte, die Farbpaletten und -verläufe könnten jeden Maler neidisch machen. Eine erkleckliche ZZahl,aber nach sieben Monaten Gartenschau in der Gesamtbetrachtung nur ein Ausrufezeichen zum Finale. Allein im Frühjahr wurden für die Eröffnung über eine Million Tulpenzwiebeln gepflanzt.
Nun liegt man im Endspurt, das ausgegebene Ziel von rund 300.000 Besuchern habe man weiter im Blick, sagt Weißbach, wenn das Wetter wie in den letzten Wochen mitspielt, kann man die Marke vielleicht noch knacken. An Veranstaltungen mangelt es in den letzten Tagen nicht, vier Konzerte wird man noch auf die Bühne bringen, außerdem stehen Hula-Hoop und Waldbaden auf dem Programm, am letzten Samstag wird es einen großen Familientag geben. Zum Abschluss am 11. Oktober wird zunächst pünktlich um 11 Uhr zum Gottesdienst samt Erntedankfest geladen, am Nachmittag sollen die Feierlichkeiten ab 14 Uhr beginnen. Was dann genau passiert, das will man noch bekannt geben, sagt Weißbach, in jedem Fall wird man gebührend auf sechs ereignisreiche Monate zurückblicken.
Herbstpracht: 170 verschiedene Arten, 1.700 Pflanzen, Farben, Farben, Farben (Foto: agl)
Bei unserer kleinen Nordhäuser Besuchergruppe war die Skepsis ob der Blumenpracht am Ende gänzlich verflogen, der Rundgang hat sich in jedem Fall gelohnt, auch weil es uns neben der Blumenkunst und dem durchdachten Konzept auch die Menschen angetan haben. Wer die LGS noch nicht gesehen hat, dem sei ein Abstecher nach Leinefelde hiermit wärmstens empfohlen. Angelo Glashagel