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Energiewende im Eichsfeld

Donnerstag, 26. Juli 2012, 14:36 Uhr
Man nehme rund 13 Millionen Euro "in die Hand", bringe viele Partner mit unterschiedlichen Interessenlagen an Tisch und baue eine Anlage zur Erzeugung von Methan. So einfach ist die Geschichte gestrickt, die heute im östlichen Teil des Landkreises Eichsfeld eine weiteres Stück Realität wurde. Die Eichsfelder Nachrichten waren für Sie dabei...

Gemeinsam geplant und gestochen (Foto: Eichsfelder-Nachrichten.de) Gemeinsam geplant und gestochen (Foto: Eichsfelder-Nachrichten.de)

Der Bürgermeister der neuen Landgemeinde Sonnenstein, Peter Trappe, brachte es auf den Punkt. "Wenn es was Kniffliges zu bewerkstelligen gibt, dann haben wir ja noch unsere Eichsfeldwerke". Und genau dieses kommunale Unternehmen ist es, das nun "Im kleinen Körbchen", in der Nähe von Weißenborn-Lüderode eine solche Anlage bauen will. Noch nah genug an einem Einspeisepunkt für das erdgasähnliche Medium und doch weit weg von den nächsten Wohnhäusern.

Das Gemeinschaftsprojekt der drei Eichsfeldwerke (EW)-Töchter, EW Eichsfeldgas, EW Wärme und EW Projekt, ist die größte Einzelinvestition seit Gründung der Unternehmensgruppe. Für die Erzeugung und Aufbereitung der regenerativen Bioenergie werden zirca 10,6 Millionen Euro aufgewandt, für die Einspeisung in das lokale Erdgasnetz sind noch einmal 2,4 Millionen Euro erforderlich. Eine nachhaltige Investition in den Klimaschutz und die Lebensqualität kommender Generationen in der Region.

Überblick (Foto: EW) Überblick (Foto: EW)
Die Anlage im Überblick

"Die Vorteile unserer Bioenergieanlage liegen auf der Hand. Anders, als bei vielen anderen Bioenergieanlagen, werden wir nicht nur Biogas erzeugen, sondern dies auch auf Erdgasqualität veredeln. Bio-Erdgas ist eine erneuerbare Energie mit einer der besten Ökobilanzen. So wird bei der Nutzung nur so viel Kohlendioxid an die Umwelt abgegeben, wie die eingesetzten Pflanzen beim Wachstum aus der Umgebung aufgenommen haben", sagte EW-Geschäftsführer Ulrich Gabel kurz vor den symbolischen Spatenstichen.

Diese Bioenergie steht ganzjährig zur Verfügung und kann in das eigene, in das bestehendes Erdgasnetz eingespeist, bei Bedarf gespeichert und schließlich kundennah zur Anwendung gebracht werden. Dies wird in unseren Blockheizkraftwerken erfolgen. Durch die gekoppelte Strom- und Wärmeerzeugung ist der Effizienzgrad besonders hoch.

1,7 Kilometer von der nächsten Ortslage entfernt und hinter einem ehemaligen Bahndamm liegt das Grundstück für die Anlage. Damit ist nach einem umfassenden, transparenten Planungs- und Abstimmungsverfahren gemeinsam mit den Bürgern, der Gemeinde und den Behörden ein Anlagenstandort gefunden worden, der den Belangen aller Beteiligten gerecht wird.

deal sind an diesem Standort nicht nur die Nähe zur Erdgasleitung und die Anbindung an die Strom- und Wasserversorgung. Ein wesentliches Kriterium für die Standortwahl war auch die optimale Bereitstellung und Zulieferung der Energiepflanzen, das heißt der Biomasse. Hierfür konnten mit der Agrargenossenschaft "Am Ohmberg" eG aus Bischofferode, der Agrargesellschaft Stöckey GbR und der APH Agrar Produkt & Handels GmbH & Co. KG aus Weißenborn-Lüderode drei leistungsfähige und zuverlässige regionale Partner gefunden werden. Für den Betrieb der Anlage liefern die Landwirte von 700 Hektar Anbaufläche jährlich etwa 28.000 Tonnen Biomasse. Zur Erstversorgung der Anlage wurden im Jahr 2011 bereits 10.000 Tonnen Energiepflanzen geerntet und zwischengelagert.

Die Technologie

Die geplante Bioenergieanlage besteht aus drei wesentlichen Komponenten: der Biogaserzeugung, der -aufbereitung und der -einspeisung. Von den Landwirten angelieferte Substrate werden in einem, etwa 10.000 Quadratmeter großen, Silo gelagert. In zwei Fermentern und einem Nachgarer wird der klein gehackselten Biomasse durch biologische Prozesse die Energie, das heißt das Biogas, entzogen. Unzahlige Mikroorganismen wandeln die Biomasse Schritt für Schritt zu einem Gasgemisch um. So wird sie zunachst von Hefen in Zucker und Alkohole zerlegt.

Eine andere Gruppe von Bakterien bildet daraus organische Sauren (zum Beispiel Essigsaure und Wasserstoff). Von diesen Sauren ernahren sich schließlich die Methanbakterien, die dabei Biogas "ausatmen". In diesem Gas ist zu einem großen Teil das gewünschte Methan enthalten. Die Prozesse finden unter standigem Rühren und Luftabschluss sowie bei einer konstanten Temperatur von etwa 38°C statt, damit die Organismen ideale Lebensbedingungen haben.

Das erzeugte Biogas wird in einem integrierten Gasspeicher innerhalb der Folienhaube der Fermenter bzw. des Nachgarers gespeichert. Der bei dieser Produktion übrig bleibende ausgegorene Rückstand (= Garrest) wird in zwei abgedeckten Behaltern gelagert und von den Substratlieferanten auf die zu bestellenden Flachen wieder als natürlicher, geruchsarmer Dünger ausgebracht. Dadurch wird der lokale Nahrstoffkreislauf geschlossen und der Einsatz von Kunstdünger deutlich reduziert.

Das Biogas, etwa zu gleichen Teilen aus Methan (CH4) und Kohlendioxid (C02) bestehend, strömt in die zweite Kernkomponente, die Biogasaufbereitungsanlage. Ziel ist, das Biogas so zu reinigen und anzupassen, dass es die gleichen Eigenschaften wie Erdgas vorweist. Hierzu wird mit einer Waschlösung das C02 abgetrennt und das verbleibende Methan von sonstigen Bestandteilen selektiert. Damit das so erzeugte Bio-Erdgas in das öffentliche Erdgasnetz eingespeist werden kann, fließt es anschließend in die letzte Hauptkomponente - die Biogaseinspeiseanlage. Dort wird der Bio-Erdgasstrom gemessen, mittels Kompressoren auf Leitungsdruck (zwischen 6 und 16 Bar) verdichtet und durch Zugabe von Flüssiggas der Brennwert, das heißt der Energiegehalt, exakt dem in der Leitung vorhandenen Erdgas angepasst.

Die Bioenergieanlage wird 350 Kubikmeter Bio-Erdgas pro Stunde erzeugen. Durch den kontinuierlichen Betrieb wird jahrlich eine Menge von etwa 30 Millionen Kilowattstunden Bio-Erdgas in das Erdgasnetz der EW Eichsfeldgas eingespeist. Das entspricht etwa 5 Prozent der im Landkreis Eichsfeld benötigten Erdgasmenge. Mit dem Bio-Erdgas erzeugt die EW Warme in ihren Blockheizkraftwerken rund 11 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Damit können rund 2.800 Haushalte versorgt werden.

Durch das Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung kann die im Bio­Erdgas enthaltene Energie vollstandig genutzt werden. So wird die gleichzeitig anfallende Wärme - rund 14 Millionen Kilowattstunden jahrlich - in die angeschlossenen Fernwarmenetze eingespeist. Dies reicht für die Beheizung von etwa 1.000 Eigenheimen aus. Mit der Nutzung des Bio-Erdgases haben die Eichsfeldwerke die gesamte Wertschöpfungskette für die Region erschlossen.
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