Geschichten am Zaun
Montag, 05. November 2012, 21:59 Uhr
Das zweite DLRG-Erzählcafe war ein großartiger Erfolg des Gesamt-Eichsfelder Vereins: großer Andrang im kleinen Vereinszentrum, aber mit ein paar Extrastühlen kam jeder unter. Ein Glücksfall ist Phillip Engelhardt: er moderiert gekonnt und professionell und dennoch hat niemand den Eindruck, das es unpersönlich oder allzu geschäftig zugeht...
Und wie packend, rührend und lustig die Geschichten waren: von der Sehnsucht der kleinen Jungs aus Wahlhausen, einmal in die Werra gehen zu können, die nur 50 Meter vom Haus entfernt war, die aber ein Metallgitterzaun und Schusswarnungen der Grenztruppen unerreichbar weit entfernt erscheinen ließ, von Fahrrad-Schläuchen, die als selbstgebastelte Schwimmhilfen im Zusammenfluss von Suhle und Aue in Germershausen hervorragende Dienste leisteten, von Schürzen, die zusammengenäht in Schleiz an der Saale / Südthüringen hervorragende Badeanzüge für Mädchen abgaben und von Kommuniontaschentüchern, die zusammengebunden in Blieskastel im Saarland das perfekte Outfit für männliche Schwimmanfänger irgendwo Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts boten.
Köstlich die Geschichten der Racker aus Krebeck, die die aufgegebene Tonkuhle als wahres Abenteuerland kennenlernen durften: körperliche Züchtigungen wegen Nichtbefolgen der Anweisung, eben dahin nicht zu gehen, eingeschlossen….!
Und rührend, wenn vom Badverweis für die Nichtschwimmerin im Sportbecken des Freibades Weimar die Rede war, nur weil die spätere Leistungsschwimmerin noch keinen Freischwimmer hatte oder von der einjährigen kleinen Maus, die an der Hand ihres 12 Jahre älteren Bruders vom 5m-Brett in das Dingelstädter Freibad sprang. Nachdenklich der Bericht über das völlig zerbombte Hamburg, in dem die damals sechsjährige Margarete 1946 schwimmen lernte: im Volksparkstation, da wo heute der HSV spielt, gab es ein unzerstörtes Bassin mit 50 m Bahn und kaltem Wasser – aber wen störte es von den barfuß laufenden Kids aus den Ruinen der Großstadt.
Dafür legte der staunenden Runde, die bei Kuchen und Kaffee kaum merkte, wie schnell zwei amüsante Stunden herumgehen, Christiane aus Obernfeld ihren Reichsschwimmschein vor – der allerdings erst in 1946 ausgestellt worden war, ein Jahr, nachdem das Hitler-Reich per Kapitulation untergegangen war. Die neue Zeit hatte noch keine Schwimmabzeichen im ersten Sommer nach dem Krieg.
Arvid Rose
Autor: enUnd wie packend, rührend und lustig die Geschichten waren: von der Sehnsucht der kleinen Jungs aus Wahlhausen, einmal in die Werra gehen zu können, die nur 50 Meter vom Haus entfernt war, die aber ein Metallgitterzaun und Schusswarnungen der Grenztruppen unerreichbar weit entfernt erscheinen ließ, von Fahrrad-Schläuchen, die als selbstgebastelte Schwimmhilfen im Zusammenfluss von Suhle und Aue in Germershausen hervorragende Dienste leisteten, von Schürzen, die zusammengenäht in Schleiz an der Saale / Südthüringen hervorragende Badeanzüge für Mädchen abgaben und von Kommuniontaschentüchern, die zusammengebunden in Blieskastel im Saarland das perfekte Outfit für männliche Schwimmanfänger irgendwo Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts boten.
Köstlich die Geschichten der Racker aus Krebeck, die die aufgegebene Tonkuhle als wahres Abenteuerland kennenlernen durften: körperliche Züchtigungen wegen Nichtbefolgen der Anweisung, eben dahin nicht zu gehen, eingeschlossen….!
Und rührend, wenn vom Badverweis für die Nichtschwimmerin im Sportbecken des Freibades Weimar die Rede war, nur weil die spätere Leistungsschwimmerin noch keinen Freischwimmer hatte oder von der einjährigen kleinen Maus, die an der Hand ihres 12 Jahre älteren Bruders vom 5m-Brett in das Dingelstädter Freibad sprang. Nachdenklich der Bericht über das völlig zerbombte Hamburg, in dem die damals sechsjährige Margarete 1946 schwimmen lernte: im Volksparkstation, da wo heute der HSV spielt, gab es ein unzerstörtes Bassin mit 50 m Bahn und kaltem Wasser – aber wen störte es von den barfuß laufenden Kids aus den Ruinen der Großstadt.
Dafür legte der staunenden Runde, die bei Kuchen und Kaffee kaum merkte, wie schnell zwei amüsante Stunden herumgehen, Christiane aus Obernfeld ihren Reichsschwimmschein vor – der allerdings erst in 1946 ausgestellt worden war, ein Jahr, nachdem das Hitler-Reich per Kapitulation untergegangen war. Die neue Zeit hatte noch keine Schwimmabzeichen im ersten Sommer nach dem Krieg.
Arvid Rose
