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Warten auf Charles & Myra

Samstag, 12. Januar 2013, 19:16 Uhr
Wer gehört hat, die gestrige Premiere im Nordhäuser Theater sei schlecht gewesen oder gar ausgefallen, der ist einem Gerücht aufgesessen. Wie eine so unverbürgte oder auch frei erfundene Nachricht entstehen kann, das demonstrierten die Rudolstädter Schauspieler beeindruckend.

Der Bekanntheitsgrad des New Yorker Erfolgsdramatikers Neil Simon sorgte für einen dicht besetzten Premierensaal und ein vergnügungswilliges Publikum. Das erwartete beste amerikanische Boulevardkomödie – und bekam sie auch. Stücke wie "Sonnyboys" und "Ein seltsames Paar" begründeten den Weltruhm des Broadwayautoren, der sich in seinem Werk "Rumors" (deutsch: "Gerüchte, Gerüchte") genüsslich mit den oft unfreiwillig komischen Auswirkungen kleiner Lügen und Wahrheitsdeutungen beschäftigte. Herausgekommen ist eine ebenso scharfsinnige wie bissige Satire auf die gehobene New Yorker Gesellschaft, in der jeder geneigt scheint, die abstruseste Story zu glauben, so lange sie nur sensationell und kurzweilig ist.

theater (Foto: theater) theater (Foto: theater)

Um eine glaubhafte Version der Ereignisse zu kreieren geben vier Paare alles: Das Rudolstädter Schauspielensemble in Hochform

Hier geht es nun konkret darum, dass sich der stellvertretende Bürgermeister New Yorks ins Ohr geschossen hat, seine Frau und das Dienstpersonal durch Abwesenheit glänzen und die geladenen Partygäste sich selbst einen Reim auf alles machen müssen. Das bedrohliche Auftauchen eines Polizisten vereinfacht die Situation nicht und es gilt die Maxime: Rette sich, wer kann!

Um einer Simon-Komödie zum Erfolg zu verhelfen bedarf es auf der Bühne vor allem einer geschlossenen und disziplinierten Ensembleleistung, einem feinen Gespür der Darsteller für Pointen und der Kunstfertigkeit, diese auch stilsicher zu setzen und nicht grob durch den Bühnenboden knallen zu lassen. Das Rudolstädter Ensemble hat diese benötigte Klasse und sorgt für zwei Stunden purers Vergnügen. Die hervorragend disponierten Damen Anna Oussankina, Miriam Gronau, Laura Göttner und Anne Kies bestechen in ihren Rollen durchweg mit weiblicher Intuition und den kleinen, versteckten Gemeinheiten und Eifersüchteleien, die dem schönen Geschlecht so immanent sind. Martin Andreas Greif, Markus Seidensticker, Benjamin Griebel und David Engelmann lavieren ihre karrierebesessenen Honratiorenfiguren gekonnt durch die Gefahren, gesellschaftlich angreifbar zu werden.

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Jetzt gilt's: Markus Seidensticker als Partygast mimt vor dem interessierten Hans Burkia als Officer den abwesenden Hausherrn.

Ein Riesenspaß, den Regisseur Carl-Hermann Risse da in der perfekten Ausstattung von Mathias Werner inszeniert hat, immer den Ideen und vor allem Texten des Autoren vertrauend und mit langer Leine für die Schauspieler. Ein äußerst empfehlenswerter Abend nicht nur für Leute, die nach neuen und guten Ausreden suchen.

OLAF SCHULZE
Autor: nnz/kn

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