Wanderer zwischen zwei Welten
Mittwoch, 27. Februar 2013, 13:43 Uhr
Mit einer Festakademie am Dienstag, 5. März, verabschiedet das Bistum Erfurt den ehemaligen Geschäftsführer des diözesanen Bildungswerkes und der Bistumsakademie "Katholisches Forum im Land Thüringen" in den Ruhestand...
Hubertus Staudacher (65) hatte beide Einrichtungen seit ihrer Gründung im Jahr 1992 mit aufgebaut und verantwortete als Geschäftsführer Betrieb und Programme bis August 2012. Seine Nachfolgerin wurde die Diplom-Theologin Patricia Heich (34), die vorher den Standort der "Kölner Wirtschaftsschule GmbH" in Siegburg geleitet hatte.
Die Festakademie beginnt um 18 Uhr in der Erfurter Brunnenkirche (Fischersand). Den Festvortrag hält der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas, Fellow am Freiburger Institut for Advanced Studies (FRIAS) sowie Professor und Mitglied des Committee on Social Thought an der Universität von Chicago. Er spricht über "Religionsgeschichte als Religionskritik? David Hume und die Folgen". Grußworte halten der Erfurter Altbischof Joachim Wanke und Prof. Dr. Joachim Valentin, stellvertretender Vorsitzender der Katholischen Akademien Deutschlands. Nach der Festakademie findet ein Empfang in der Bildungsstätte St. Martin statt.
Katholische Bildungsarbeit gab es auch in der DDR. Doch in einem Staatswesen, das weltanschaulich nur den Atheismus gelten ließ, durfte die Kirche allenfalls in ihrem Inneren bildend wirken. Mit der friedlichen Revolution und der Deutschen Einheit änderte sich das. Die Kirchen mussten sich nicht nur auf dem Markt der weltanschaulichen Möglichkeiten behaupten, sie erlebten sich sogar aus dem gesellschaftlichen und politischen Raum angefragt, zu Fragen der Zeit Stellung zu nehmen und die Diskussionen durch Beiträge aus christlicher Perspektive zu bereichern. In diesem Sinne sind die Kirchen als gesellschaftlicher Mit-Akteur bis heute tätig.
Die Akademiearbeit ist dabei nur ein Element, wenn auch ein sehr wichtiges. Mit der Gründung des "Katholischen Forums" schuf man in Thüringen einen Ort für den Diskurs zwischen Kirche und Gesellschaft und für das ökumenische Gespräch. Dort stehen Themen zu gesellschaftlich und kirchlich relevanten Fragestellungen aus den Bereichen Justiz, Medizin, Ethik, Philosophie und Theologie im Mittelpunkt. Auch Musik, Kunst und Volkskultur kommen nicht zu kurz.
Hubertus Staudacher war der Mann der ersten Stunde. Er hatte 1969 das Studium als Diplom-Theologe abgeschlossen und zuletzt 21 Jahre für den Leipziger St. Benno-Verlag gearbeitet, ehe ihn Bischof Joachim Wanke nach der friedlichen Revolution für den Aufbau des Bildungswerkes und des Katholischen Forums in Erfurt gewann. Als Ein-Mann-Betrieb musste Staudacher andere Wege für seinen Akademiebetrieb als die Kollegen im Westen einschlagen. Ohne eigenes Akademiegebäude nutzt das Katholische Forum wohl die bistumseigene Bildungsstätte St. Martin für seine Veranstaltungen, es werden aber gezielt auch außerkirchliche Räumlichkeiten aufgesucht. So fand im Theater Meiningen ein Abend zu Richard Wagners Ring statt, "Schenken und beschenkt Werden" wurde in der Adventszeit bei Karstadt inmitten des Warenangebotes thematisiert. Museen und Galerien wirken daneben als Veranstaltungsorte beinahe "normal". Auf diese Weise hielt Staudacher die Hemmschwellen niedrig, wie sie sonst bestehen können, wenn ein Veranstaltungsort den Zusatz "katholisch" trägt. Der Anteil der Nichtchristen bei seinen Veranstaltungen vergrößerte sich im Laufe der Zeit - "bescheiden", wie Staudacher, selbst bescheiden, einschränkt, aber er vergrößerte sich.
Zu den Adressaten des Katholischen Forums zählt Hubertus Staudacher ausdrücklich die "Weihnachtschristen und Weihnachtsatheisten", wie er sie nennt, also Leute, die "nur" an den hohen Feiertagen zur Kirche kommen. "Diese Menschen haben die Kirche noch nicht aufgegeben", meint Staudacher. Sein Akademieprogramm wandte sich aber ebenso an die "Wanderer zwischen den Welten", Männer und Frauen, die in Kirche und Gesellschaft gleichermaßen beheimatet sind, das aber als spannungsreich erleben. Staudacher nennt zwei Beispiele: "Für einen Soldaten, der als Christ das Leben als von Gott geschenkt weiß, im bewaffneten Konflikt aber womöglich töten muss, können sich da Abgründe auftun. Ebenso bei einem Arzt, der die Schmerzen eines unheilbar Kranken nicht mehr zu lindern weiß und mit dem Problem des assistierten Suizids ringt." Endgültige Antworten könne die Bildungsarbeit selten geben, bilanziert Staudacher, aber sie könne Verstehenshorizonte aufwerfen und manchmal sogar Prozesse gestalten helfen, die vielleicht zu einer Lösung führen.
Jede Zeit hat ihre Themen. Aktuell sind es die Fragen nach dem Stellenwert des Christentums und anderer Religionen in der säkularen Gesellschaft, aber auch das Verhältnis der Religionen untereinander. Eine der letzten Veranstaltungen führte Hubertus Staudacher gemeinsam mit der muslimischen Gemeinde in Erfurt durch. Über Kunst und Meinungsfreiheit wurde da heiß diskutiert. Die Erfurter Akademiearbeit hat aber auch Klassiker hervorgebracht, Veranstaltungen, die mehrere hundert Menschen anziehen können, wie etwa die Einführungsabende zu den Domstufen-Festspielen. Auch der KirchenSprung, ein Abendspaziergang mit Einkehr, Musik und Kultur in verschiedenen Erfurter Kirchen, fasziniert mittlerweile im 14. Jahr. Diese Veranstaltung wird übrigens, wie so manche andere auch, ökumenisch durchgeführt.
Patricia Heich, die im September die Geschäftsführung für das Bildungswerk und die Bistumsakademie übernommen hat, wird im Veranstaltungskalender manches fortsetzen, anderes ändern, Neues einführen. Mit dem Lauf der Zeiten ändert sich auch die Bildungsarbeit. Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben: "Gesellschaft und Kirche von heute benötigen kein Einheitsdenken, das es ohnehin nie gegeben hat. Deshalb bleiben Wissen um und Verständnis für unterschiedliche Meinungen und Weltanschauungen unverzichtbar, um etwas Entscheidendes für das Zusammenleben der Menschen im Blick behalten zu können: das bonum commune - das Gemeinwohl." So sagt es die neue Geschäftsführerin des "Katholischen Forums". Die Bildungsarbeit im Bistum Erfurt bleibt spannend.
Autor: enHubertus Staudacher (65) hatte beide Einrichtungen seit ihrer Gründung im Jahr 1992 mit aufgebaut und verantwortete als Geschäftsführer Betrieb und Programme bis August 2012. Seine Nachfolgerin wurde die Diplom-Theologin Patricia Heich (34), die vorher den Standort der "Kölner Wirtschaftsschule GmbH" in Siegburg geleitet hatte.
Die Festakademie beginnt um 18 Uhr in der Erfurter Brunnenkirche (Fischersand). Den Festvortrag hält der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas, Fellow am Freiburger Institut for Advanced Studies (FRIAS) sowie Professor und Mitglied des Committee on Social Thought an der Universität von Chicago. Er spricht über "Religionsgeschichte als Religionskritik? David Hume und die Folgen". Grußworte halten der Erfurter Altbischof Joachim Wanke und Prof. Dr. Joachim Valentin, stellvertretender Vorsitzender der Katholischen Akademien Deutschlands. Nach der Festakademie findet ein Empfang in der Bildungsstätte St. Martin statt.
Katholische Bildungsarbeit gab es auch in der DDR. Doch in einem Staatswesen, das weltanschaulich nur den Atheismus gelten ließ, durfte die Kirche allenfalls in ihrem Inneren bildend wirken. Mit der friedlichen Revolution und der Deutschen Einheit änderte sich das. Die Kirchen mussten sich nicht nur auf dem Markt der weltanschaulichen Möglichkeiten behaupten, sie erlebten sich sogar aus dem gesellschaftlichen und politischen Raum angefragt, zu Fragen der Zeit Stellung zu nehmen und die Diskussionen durch Beiträge aus christlicher Perspektive zu bereichern. In diesem Sinne sind die Kirchen als gesellschaftlicher Mit-Akteur bis heute tätig.
Die Akademiearbeit ist dabei nur ein Element, wenn auch ein sehr wichtiges. Mit der Gründung des "Katholischen Forums" schuf man in Thüringen einen Ort für den Diskurs zwischen Kirche und Gesellschaft und für das ökumenische Gespräch. Dort stehen Themen zu gesellschaftlich und kirchlich relevanten Fragestellungen aus den Bereichen Justiz, Medizin, Ethik, Philosophie und Theologie im Mittelpunkt. Auch Musik, Kunst und Volkskultur kommen nicht zu kurz.
Hubertus Staudacher war der Mann der ersten Stunde. Er hatte 1969 das Studium als Diplom-Theologe abgeschlossen und zuletzt 21 Jahre für den Leipziger St. Benno-Verlag gearbeitet, ehe ihn Bischof Joachim Wanke nach der friedlichen Revolution für den Aufbau des Bildungswerkes und des Katholischen Forums in Erfurt gewann. Als Ein-Mann-Betrieb musste Staudacher andere Wege für seinen Akademiebetrieb als die Kollegen im Westen einschlagen. Ohne eigenes Akademiegebäude nutzt das Katholische Forum wohl die bistumseigene Bildungsstätte St. Martin für seine Veranstaltungen, es werden aber gezielt auch außerkirchliche Räumlichkeiten aufgesucht. So fand im Theater Meiningen ein Abend zu Richard Wagners Ring statt, "Schenken und beschenkt Werden" wurde in der Adventszeit bei Karstadt inmitten des Warenangebotes thematisiert. Museen und Galerien wirken daneben als Veranstaltungsorte beinahe "normal". Auf diese Weise hielt Staudacher die Hemmschwellen niedrig, wie sie sonst bestehen können, wenn ein Veranstaltungsort den Zusatz "katholisch" trägt. Der Anteil der Nichtchristen bei seinen Veranstaltungen vergrößerte sich im Laufe der Zeit - "bescheiden", wie Staudacher, selbst bescheiden, einschränkt, aber er vergrößerte sich.
Zu den Adressaten des Katholischen Forums zählt Hubertus Staudacher ausdrücklich die "Weihnachtschristen und Weihnachtsatheisten", wie er sie nennt, also Leute, die "nur" an den hohen Feiertagen zur Kirche kommen. "Diese Menschen haben die Kirche noch nicht aufgegeben", meint Staudacher. Sein Akademieprogramm wandte sich aber ebenso an die "Wanderer zwischen den Welten", Männer und Frauen, die in Kirche und Gesellschaft gleichermaßen beheimatet sind, das aber als spannungsreich erleben. Staudacher nennt zwei Beispiele: "Für einen Soldaten, der als Christ das Leben als von Gott geschenkt weiß, im bewaffneten Konflikt aber womöglich töten muss, können sich da Abgründe auftun. Ebenso bei einem Arzt, der die Schmerzen eines unheilbar Kranken nicht mehr zu lindern weiß und mit dem Problem des assistierten Suizids ringt." Endgültige Antworten könne die Bildungsarbeit selten geben, bilanziert Staudacher, aber sie könne Verstehenshorizonte aufwerfen und manchmal sogar Prozesse gestalten helfen, die vielleicht zu einer Lösung führen.
Jede Zeit hat ihre Themen. Aktuell sind es die Fragen nach dem Stellenwert des Christentums und anderer Religionen in der säkularen Gesellschaft, aber auch das Verhältnis der Religionen untereinander. Eine der letzten Veranstaltungen führte Hubertus Staudacher gemeinsam mit der muslimischen Gemeinde in Erfurt durch. Über Kunst und Meinungsfreiheit wurde da heiß diskutiert. Die Erfurter Akademiearbeit hat aber auch Klassiker hervorgebracht, Veranstaltungen, die mehrere hundert Menschen anziehen können, wie etwa die Einführungsabende zu den Domstufen-Festspielen. Auch der KirchenSprung, ein Abendspaziergang mit Einkehr, Musik und Kultur in verschiedenen Erfurter Kirchen, fasziniert mittlerweile im 14. Jahr. Diese Veranstaltung wird übrigens, wie so manche andere auch, ökumenisch durchgeführt.
Patricia Heich, die im September die Geschäftsführung für das Bildungswerk und die Bistumsakademie übernommen hat, wird im Veranstaltungskalender manches fortsetzen, anderes ändern, Neues einführen. Mit dem Lauf der Zeiten ändert sich auch die Bildungsarbeit. Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben: "Gesellschaft und Kirche von heute benötigen kein Einheitsdenken, das es ohnehin nie gegeben hat. Deshalb bleiben Wissen um und Verständnis für unterschiedliche Meinungen und Weltanschauungen unverzichtbar, um etwas Entscheidendes für das Zusammenleben der Menschen im Blick behalten zu können: das bonum commune - das Gemeinwohl." So sagt es die neue Geschäftsführerin des "Katholischen Forums". Die Bildungsarbeit im Bistum Erfurt bleibt spannend.
