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Rekorde bei Kirchenaustritten?

Montag, 09. März 2015, 07:17 Uhr
Wie zu hören und zu lesen war, sollen sich die Kirchenaustritte häufen. Die Nordthüringer Online-Zeitung sprach mit Andreas Schwarze, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Südharz...

Superintendent Andreas Schwarze (Foto: Kurt Frank) Superintendent Andreas Schwarze (Foto: Kurt Frank)

nnz:“Rekorde bei Kirchenaustritten in Thüringen“ titelte kürzlich eine Zeitung. Sind sie auch im evangelischen Kirchenkreis spürbar?

Andreas Schwarze: Ja, sie sind spürbar. 2012 verzeichneten wir 505 Austritte, ein Jahr später waren es 482, und im Vorjahr häuften sie sich mit insgesamt 759. In der Statistik enthalten sind auch Verstorbene und Personen, die weggezogen sind. Zieht man die Zahl des Vorjahres von den 23950 Gemeindemitgliedern mit Stand vom 31. Dezember 2013 ab, haben wir derzeit 23191 Gemeindemitglieder im Kirchenkreis.

nnz: War es klug, was eine Ursache für Austritte sein könnte, die Kirchensteuer auf Kapitalerträge über die Bank einziehen zu lassen, was manche als eine Erhöhung des Beitrages sahen?

Andreas Schwarze: Neu ist nur das automatische Verfahren, die Kirchensteuer auf Kapitalerträge ab 1. Januar des Jahres direkt von den Banken oder Versicherungen abzuführen. Klüger wäre es wohl gewesen, wenn wir als Kirche darüber selbst informiert hätten. Die Sache mit den Bankeinzügen spielte mit rein.

nnz: Was sind Kapitalerträge?

Andreas Schwarze: Kapitalerträge, also zum Beispiel Zinsen, sind ebenfalls Einkommen. Sie müssen versteuert werden. Aber es gibt Freibeträge. Ledige, die weniger als 801 Euro, und Ehepartner, die weniger als 1602 Euro Kapitalerträge im Jahr haben, zahlen keine Steuern darauf und demzufolge auch keine Kirchensteuer. Absolut kein Grund zur Aufregung.

nnz: Habern Sie eine Idee, wie Sie wieder mehr Menschen in die Gotteshäuser führen können?

Andreas Schwarze: Den demografischen Veränderungen müssen wir uns noch konsequenter stellen, uns noch mehr Gedanken darüber machen, wie eine flächendeckende seelsorgerische Betreuung zu gewährleisten ist. Entscheidend ist die Arbeit vor Ort in den Kirchengemeinden. Von deren Engagement hängen Erfolge ab. Vonnöten sind neue Formen der Arbeit.

nnz: Zum Beispiel die Jugendkirche?

Andreas Schwarze: Die Jugendkirche ist ein gutes Beispiel. Junge Menschen zusammenführen heißt, mit ihnen nicht nur über Gott und die Welt zu reden, vielmehr auch Interessen wecken und fördern, kurzum das zu tun, was Freude und den Glauben weckt, fördert und stärkt. Offen sein für andere bedeutet Freundlichkeit, Herzlichkeit, Aufgeschlossenheit und eine Willkommenskultur, die Menschen zu uns führt.

nnz: Der bayerische Pfarrer Jochen Teuffel schrieb ein Buch, dass sich in Deutschland gut verkauft. „Hingabe ist gefragt“, lautet seine Botschaft. Er plädiert dafür, die Kirchensteuer abzuschaffen. Könnten Sie damit leben?

Andreas Schwarze: Auf den Mitgliedsbeitrag kann kein Verein verzichten. Auch wir nicht auf die Kirchensteuer. Zur Kirchensteuer, die zentral eingezogen und dann auch nach einem bestimmten Verfahren verteilt wird, erbitten wir den Gemeindebeitrag. Er verbleibt zu 100 Prozent in der jeweiligen Gemeinde.

nnz: Lässt sich eine Summe nennen, welche finanziellen Zuwendungen der Kirchenkreis
erhält?

Andreas Schwarze: Wir erhalten 2,5 Millionen Euro pro Jahr für Personalkosten, dreiviertel davon werden durch Kirchensteuerzuweisung gedeckt. Für Verwaltungsaufgaben kommen 340 000 Euro hinzu. Als Kirche erfüllen wir auch im Auftrag des Staates Aufgaben, zum Beispiel im Religionsunterricht.

nnz: Was besagen derzeit Zahlen und Fakten außerdem?

Andreas Schwarze: 59 Gemeinden, 104 Kirchen, 57 Pfarr-und Gemeindehäuser, 24 aktive Pfarrer/innen, 12 Kirchenspiele, bestehend aus früheren 37 einzelnen Gemeinden; 10 Gemeindepädagogen/innen, die auch pfarramtlich tätig sind; 44 Kirchenmusiker, davon vier hauptamtlich, 14 Verwaltungsangestellte, 12 Pfarrer/innen im Ruhestand. 700 Personen sind ehrenamtlich im Bereich Kirchenmusik tätig, 60 im Bereich Arbeit mit Kindern und 1200 in anderen Bereichen.

nnz: Der Islam gehört zu Nordhausen, betonte gegenüber dieser Zeitung der hiesige Iman des Internationalen Islamischen Zentrums und sieht eine Bereicherung des kulturellen und religiösen Lebens in Nordhausen. Sehen Sie das auch so?

Andreas Schwarze: Muslime gehören zu Nordhausen. Nicht erst seit gestern. Ich sehe das als eine Bereicherung. Sich mit unseren Werten, wie sie das Grundgesetz vorschreibt, vertraut und sie sich zueigen zu machen, ist ein Asylprozess, der davon abhängt, wie wir selbst mit diesen Werten umgehen.

nnz: Auch in Nordhausen werden künftig mehr Muslime wohnen, allein schon wegen steigender Asylbewerberzahlen. Ausgelöst durch den Erfurter Iman begann eine Debatte darüber, einen Islamunterricht einzuführen. Wie denken Sie darüber?

Andreas Schwarze: Ich halte ihn für angebracht, wenn er dem besseren Kennenlernen, der Verständigung dient und zur besseren Integration beiträgt. Es bedarf da noch einer grundlegenden Klärung. Noch ist das Ganze nicht in dem Topf, in dem es gut kochen kann..

nnz: Herr Schwarze, vielen Dank für das Gespräch

Mit Superintendent Andreas Schwarze unterhielt sich Kurt Frank
Autor: red

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