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Rückenprobleme:

Ablenkung und Bewegung hemmen Schmerzen

Samstag, 19. März 2016, 14:19 Uhr
Durchschnittlich fünf Tage ist jeder Thüringer Beschäftigte jährlich wegen Muskel- und Skeletterkrankungen krankgeschrieben. Die meisten Erkrankungen in diesem Bereich verursachen Rückenleiden.....


Wir sprachen mit dem Bewegungsexperten Tobias Benzin darüber, was bei Rückenproblemen wirklich hilft, warum seelische Probleme eine Rolle spielen und wann es Zeit ist aktiv etwas für den Rücken zu tun.....

Tobias Benzi (Foto: IKK) Tobias Benzi (Foto: IKK)
Der studierte Sportwissenschaftler Tobias Benzin gehört zum Team der Health & Fitness Academy aus Jena, einem deutschlandweit agierendem Fortbildungsinstitut des Bundesverbands deutscher Rückenschulen. Für die IKK classic ist der Bewegungsexperte vor allem im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung aktiv.


90 Prozent aller Rückenschmerzen gelten als unspezifisch, das heißt bei der bildgebenden Diagnostik wird kein Auslöser gefunden. Warum ist das so?

90 Prozent der Ursachen von Rückenschmerzen sind „nicht-biologisch“. Neben Verspannungen, monotonen Belastungen oder Bewegungsmangel sind häufig auch psychosoziale Ursachen Auslöser für Rückenschmerzen. Beispielsweise haben Situationen, welche einen dauerhaften Stresspegel verursachen, nachweislich eine verspannungssteigernde Wirkung auf die Rückenmuskulatur. In diesem Fall sind Stresshormone (unter anderem Cortisol) an der Entstehung von Rückenschmerzen beteiligt. Emotional aufregende Situationen können bei manchen Menschen Herzklopfen, kalte Hände oder ähnliches verursachen. Rückenschmerzen, aufgrund verspannter Muskulatur, können ebenfalls ein solches Resultat sein.

Medizinische Verfahren zur Behandlung von Rückenschmerzen wie Injektionen, Bettruhe, Bandagen usw. werden von Betroffenen häufig als nicht besonders wirksam eingestuft. Was hilft aus Ihrer Sicht denn wirklich?

Kurz und knapp: Ablenkung und Bewegung! Beides hemmt die Weiterleitung von Schmerzen. Entsteht ein Rückenschmerz aufgrund von Überlastung, ist natürlich auch Schonung eine Möglichkeit den Rückenschmerzen beizukommen. Da die Mehrheit der deutschen Bevölkerung jedoch einen Sitzarbeitsplatz hat und eher von Bewegungsmangel betroffen ist, würde ich eine moderate Bewegung empfehlen, die vor allem auch Spaß macht. Bei dieser Art der Bewegung werden zum Beispiel Stresshormone verstoffwechselt und die Wahrscheinlichkeit einer Verspannung sinkt.

Gerade bei Rückenschmerzen spielt die Psyche eine große Rolle. Wie passt das zusammen?

Der Kopf ist dem Rücken am nächsten. Ähnlich wie beim Stress, können auch Angst oder depressive Verstimmungen Rückenschmerzen verursachen. Es wird angenommen, dass unter anderem Hormone die Schmerzentstehung begünstigen. Aus der Verhaltensforschung ist bekannt, dass zum Beispiel das Gefühl von Angst eine Aktivierung der globalen Schulter- und Nackenmuskulatur erzeugt, um den Kopf vor eventuellen Schäden zu schützen. Ist dieser Zustand dauerhaft, ist auch die Muskelaktivierung dauerhaft. Es entsteht eine Verspannung, welche schmerzhaft sein kann.

Rückenschmerzen sind kein Phänomen des Alters. Auch junge Menschen klagen häufig über Rückenprobleme. Ab wann empfehlen Sie aktiv etwas für den Rücken zu tun?

Grundsätzlich muss man bei Interventionen gegen Rückenschmerzen zwei Varianten Unterscheiden. Einerseits sind Varianten wirkungsvoll, welche sich auf die Aktivierung der Muskulatur, sowie des Herz-Kreislauf-Systems beziehen. Hier ist eine Empfehlung sehr schwierig, da auch Menschen im hohen Alter, die selbst sportlich aktiv sind, keinerlei Intervention bedürfen. Es empfiehlt sich jedoch zwei bis drei Mal die Woche sportlich aktiv zu werden. Die zweite Variante sind Interventionen im kognitiven Bereich. Die Mehrheit der Deutschen glaubt nach wie vor, dass das Heben von schweren Lasten automatisch Rückenschmerzen verursacht. Informationsveranstaltungen oder öffentlichkeitswirksame Maßnahmen zur Wissensvermittlung können bereits im frühen Schulkindalter erfolgen.

Viele Menschen scheuen aufgrund von Bequemlichkeit oder Zeitmangel den Besuch einer Rückenschule oder eines Fitnessstudios. Welche Rückenübungen kann man ohne viel Aufwand in den Alltag integrieren?

Übungen, die die drei Bewegungsrichtungen der Wirbelsäule berücksichtigen:
Flexion der Wirbelsäule: Beugen und Überstrecken des Rückens.
Rotation der Wirbelsäule: Drehen des Oberkörpers.
Lateralflexion: Seitneigung des Oberkörpers
Das funktioniert alles auch im Sitzen!

Welche Sportarten tun dem Rücken besonders gut und was sollte man bei Rückenproblemen lieber lassen?

Es empfiehlt sich alles, was man regelmäßig machen kann und bei dem man selbst Spaß empfindet. Studien haben herausgefunden, dass Regelmäßigkeit und Freude an der Bewegung die wirkungsvollsten Protektoren vor Rückenschmerzen sind. Da diese beiden Faktoren von Mensch zu Mensch unterschiedlich umgesetzt werden, ist eine Empfehlung schwierig. Positiv wirkt sich alles aus, was den Rücken belastet z.B. Spielsportarten und Individualsportarten.

Traditionell findet am 15. März der Tag der Rückengesundheit statt. In diesem Jahr stand er unter dem Motto „Ergodynamik“. Was verbirgt sich dahinter?

Dieser Begriff ergibt sich aus den Wörtern Ergonomie und Dynamik. Dahinter verbirgt sich eine Kombination aus der Verwendung von ergonomischen Arbeitsmitteln, welche an den menschlichen Körper angepasst sind und der Schaffung von bewegungsfördernden Arbeitssituationen. Einerseits werden also gesundheitsfördernde Verhältnisse am Arbeitsplatz selbst geschaffen, wie zum Beispiel die Verwendung von Stühlen, welche die natürliche Form der Wirbelsäule nachempfinden, andererseits sollen die Mitarbeiter dazu motiviert werden, selber sportlich aktiv zu sein und eigenverantwortlich Bewegung in den normalen Arbeitsalltag einzubauen.

Herr Benzin, vielen Dank für das Gespräch.


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