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Leserbrief

Zur Waldbewirtschaftung des Stadtwaldes

Mittwoch, 23. März 2016, 13:58 Uhr
Unsere Leserin Grit Bierwisch hat sich Gedanken zur Wadbewirtschaftung in Heilbad Heiligenstadt gemacht und folgende Zeilen geschickt:....

„Der Wald ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere, filtert Schadstoffe aus der Luft, schützt vor Erosion, dient dem Menschen zur Erholung und liefert den Rohstoff Holz.“ So liest es sich auf der Website des Umweltbundesamtes.

Der Heiligenstädter Stadtwald scheint von dem oben aufgezählten jedoch vor allem das zuletzt erwähnte zu sein: Holzlieferant. Aber ist ein als „Wirtschaftswald“ eingestufter Wald, wie der Heiligenstädter, wirklich nur noch dafür da, um Holz zu gewinnen? Und steht jene Holzernte, wie sie hier stattfindet, tatsächlich noch in einem verträglichen Verhältnis zu dem, was auf lange Sicht an ökologischem und damit zwangsläufig auch wirtschaftlichem Schaden angerichtet wird?

Was mich diese Fragen stellen lässt, sind die Spuren, die eben jene Holzernte im Wald (besonders im Bereich Iberg) hinterlässt. Wäre es nicht möglich, den Wald zu nutzen, ohne die letzten gut begehbaren Waldwege und die Bereiche, in denen „geernet“ wird, in einem Zustand zu hinterlassen, der geradezu an ein Schlachtfeld erinnern lässt? Mittlerweile sind dermaßen viele Waldwege - und ich rede nicht nur von den sogenannten Rückewegen - betroffen, die schlichtweg nicht oder kaum mehr begehbar sind. Wozu wurden gerade jüngst all die Schilder für Wanderer und Läufer im Wald errichtet, wenn eben diese Wege auf lange Zeit ohnehin nicht mehr begehbar sind?

Wobei sich hier ebenfalls jene grüngekleideten Menschen angesprochen fühlen dürfen, die meinen, mit ihren Jeeps bis zum Hochsitz fahren zu müssen! Das Thema Bodenversiegelung scheint beim hiesigen Forstamt und bei der mit der Ernte beauftragten Firma eine nur untergeordnete Rolle zu spielen, auch wenn wohlklingende Erklärungen, wie sie mancherorts auf kleinen Hinweisschildern zu finden sind, auf eine schonende Bewirtschaftung des Waldes - und das mithilfe von schwerem Gerät, wie bsp. Harvestern - schließen lassen sollen. Der Einsatz von sogenannten Holzvollerntern mag ja an manchen Stellen Sinn machen, aber die Frage ist, ob sie nicht zu oft zum Einsatz kommen.

Die Nutzung des Stadtwaldes scheint vorrangig auf Kurzfristigkeit ausgelegt zu sein. Doch die Einnahmequelle (Holz) wird langfristig versiegen, wenn der Wald irgendwann in einem Zustand ist, in dem eigentlich kaum noch etwas wachsen kann. Auf Tourismus als Allheilmittel ist dann auch nicht mehr zu setzen, denn es ist auch der jetzt noch vorhandene umliegende Wald, der Heiligenstadt so attraktiv macht.

Wobei ich im Moment keine Touristen durch unseren Stadtwald am Iberg führen möchte. Auch und gerade in einem Wirtschaftswald muss es möglich sein, nachhaltig und schonend zu ernten. Ein Beispiel hierfür ist der Göttinger Stadtwald. Im Gegensatz zum Heiligenstädter Stadtwalt wird hier eine naturnahe Waldwirtschaft bevorzugt. Da das funktionierende Ökosystem für den Wirtschaftserfolg entscheidend ist, genießen dort alle Komponenten der Lebensgemeinschaft Schutz und Beachtung: Biotopbäume und Totholz sind der Lebensraum der „Baumzersetzer“.

In ihnen sind Bruthöhlen für Vögel und Fledermäuse zu finden, die wiederum die Insektenpopulationen regulieren. Was die Holzernte betrifft, wird hier „etwas“ anders gearbeitet. Mit einem Minimum an Arbeitskraft,
Energie und Kapital - einem sehr naturnahen Vorgehen also - wird ein möglichst gutes ökonomisches Betriebsergebnis erreicht. Hier wird auf die strikte Schonung von Boden, Waldbodenvegetation und Waldbinnenklima geachtet. Die Holzernte erfolgt einzelstammweise und nur die stärksten Stämme werden entnommen.

Es werden also weniger Schäden am Boden angerichtet, weil einfach seltener geerntet wird (d.h. es werden weniger, dafür dickere Bäume anstelle von mehr vergleichsweise dünnen Bäumen gefällt). Allerdings gibt es dort nur dank der naturnahen Bewirtschaftung auch noch zahlreiche starke Bäume, die gefällt werden können. Und genau hier liegt meines Erachtens das
Problem bei der Bewirtschaftung des Heiligenstädter Stadtwaldes.

Vermutlich wird nun, um die Diskussion von vornherein im Keim zu ersticken, die stereotype Antwort kommen, dass der Göttinger nicht mit dem Heiligenstädter Stadtwald zu vergleichen sei - was auch immer das bedeuten mag. Es wäre dennoch wünschenswert, wenn sich das Forstamt und die Mitglieder des Forstausschusses einmal mit den Erfahrungen der Göttinger Fachleute vor Ort auseinandersetzen würden. Vllt. hat das sogar schon stattgefunden und man kam zu dem Schluss, dass die Prioritäten in Heiligenstadt einfach woanders liegen?

Der angedachte Urwald-Lehrpfad unterhalb der Maienwand ist zwar auf den ersten Blick eine nette Idee, jedoch ist diese in meinen Augen vor allem Augenwischerei und macht nicht wett, was im Rest des Stadtwaldes angerichtet wurde. Mal abgesehen davon - und besonders aufgrund des angesprochenen Zustands unseres Stadtwaldes - macht es umso mehr Sinn, die wenigen ungenutzten Bereiche im Wald so zu belassen, wie sie sind. Das wäre ganz sicher im Sinne der dort vorkommenen Pflanzen und Tiere.

Die offiziellen Waldwege, wie sie es bis vor gar nicht allzu langer Zeit gab, bevor sie völlig zerstört und zerfahren wurden, waren absolut ausreichend, um unseren Wald genießen, begehen und kennenlernen zu können. Ich frage mich, wie der Forst die Waldwege wieder in einen halbwegs begehbaren Zustand bringen will. Vermutlich wird man zukünftig nur noch im Hochsommer, wenn es wochenlang nicht geregnet hat, im Wald spazieren gehen können, ohne im Matsch zu versinken oder sich dank der tiefen Fahrrinnen die Füße zu brechen (wobei Letzteres auch dann gut möglich ist, wenn es ist trocken ist)...

Auch der alte Bahndamm mit seinen geschützten Tier- u. Pflanzenarten und seinem ganz besonderen Charme wird nun - auch wieder ohne Rücksicht auf die dortige Flora und Fauna - zum Radweg umfunktioniert und asphaltiert. Hier ist an einen entspannten Waldspaziergang nicht mehr zu denken. Umso bedauernswerter ist es, mitansehen zu müssen, wie auch viele der anderen Waldwege durch schweres Gerät zerstört werden.

Am Ende möchte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass seit Monaten frei herumliegende, z. T. ausgerollte Wildzäune, die eine Verletzungsgefahr für Tiere bergen sowie seit Jahren langsam vor sich hinrostende Geräte/Fahrzeuge - wer auch immer sich hier angesprochen fühlen möchte - auch nicht für ein ökologisches Bewusstsein dem Wald/der Natur gegenüber sprechen - Wirtschaftswald hin oder her.
Grit Bierwisch
Autor: en

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