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Lichtblick

Herbst des Lebens

Samstag, 27. Oktober 2018, 07:00 Uhr
Der Herbst ist eine wunderschöne Jahreszeit: die Blätter der Bäume sind so bunt wie niemals sonst im Jahr, es gibt eine Fülle an Früchten, die jetzt reif und farbenfroh für uns bereitliegen; die letzten Blumen blühen noch und die Sonne hat ein warmes Licht...


Aber der Herbst ist auch eine wehmütige Jahreszeit: schon beginnen die Blätter zu fallen und auf der Straße zu bröseln oder zu Matsch zu werden; die letzten Rosen verblühen und die Bäume und Sträucher werden kahl. Wir wissen: eine lange trübe Zeit steht uns bevor.

Der Lebenslauf wird manchmal mit dem Jahreskreis beschrieben: die Jugend ist wie der Frühling, das Erwachsenenleben wie der Sommer und im Alter kommt der Herbst.

Es ist eigentlich ein schönes Bild dafür. Denn im Alter haben wir die Arbeit geleistet, die wir zu tun hatten. Wir können zurückschauen und die Früchte genießen, die wir hervorgebracht haben: den Beruf oder das Geschäft, das wir hatten; das Haus, das wir gebaut oder den Hof, den wir geführt haben; die Kinder und Eltern, die wir versorgt und großgezogen haben. Jetzt kommen vielleicht die Enkel noch zu Besuch, die schönste Frucht unseres Lebens.

Wir schauen zurück und dürfen ausruhen. Wir brauchen nicht mehr Verantwortung für andere zu übernehmen; wir müssen nicht mehr einkaufen, Wäsche waschen, putzen. Wir dürfen uns zurücklehnen und träumen. Wir dürfen loslassen, was war.

Aber das fällt manchmal schwer. Die Bäume lassen ihre Blätter manchmal erst nach den Herbststürmen los. An manchem hängen wir noch sehr: an schönen Dingen, an netten Menschen, an verlorenen Träumen.
Aber auch an manchem Schweren hängen wir noch: an ungelösten Fragen, an Beziehungen, die im Unfrieden auseinandergingen, an dem, was wir kennen und nicht geändert haben wollen.

Vielleicht brauchen wir wie die Blätter manchmal einen Sturm, der sagt: Lass los! Du kannst es wagen! Du wirst leichter! Erst im Loslassen sind wir gerüstet für die Zeit, die kommt; nur ohne Ballast der Blätter kann der Baum den Winter überstehen.

In einem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke heißt es:
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.


So können wir uns auch im Herbst des Lebens fallen lassen. Denn es sind die gütigen Hände Gottes, die uns im Fallen halten und auffangen. Bei ihm sind wir geborgen.
Viktoria Rode, Ordinierte Gemeindepädagogin
Autor: red

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