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Slawische Operngala eröffnet die neue Spielzeit

Die russische Frage im Theater

Sonntag, 08. September 2019, 18:00 Uhr
Kuda? Wohin? Das sei die russischste aller Fragen, versicherte einst ein Muttersprachler dem Generalmusikdirektor des Loh-Orchesters Sondershausen. Und natürlich gibt es keine Antwort darauf. Gestern Abend stellte sich diese Frage, neben der nach dem aktuellen Theaterpreisträger, aber auch für das Nordhäuser Theater. Olaf Schulze war für die nnz dabei.

Operngala (Foto: oas)
Der Theaterförderverein hatte anläßlich der Saisoneröffnung vor der Premierengala zu einem kleinen Empfang eingeladen und Gönner, Freunde und Politiker waren in großer Zahl erschienen. Thüringens Ministerin Birgit Keller, der Bundestagsabgeordnete Manfred Grund, Landrat Jendricke und seine Beigeordnete Hannelore Haase, Oberbürgermeister Kai Buchmann, Damen und Herren aller Stadtratsfraktionen, aber auch alte Kultur-Urgesteine wie Klaus Wahlbuhl sowie Vertreter der wichtigsten Institutionen und Verbände lauschten der Begrüßung durch die Vereinsvorsitzende Barbara Rinke, die den geplanten Theaterumbau mit der - als eines der Nordhäuser Theaterwunder geltenden - Entscheidung zum Wiederaufbau des zerstörten Musentempels vor genau 70 Jahren in Verbindung brachte. Diesen Mut des Neuanfangs hob die Ex-Bürgermeisterin noch einmal hervor und wünschte sich, dass auch kommende Generationen in diesem Geiste wirken mögen.

Daran konnte Birgit Keller als eine der Vorkämpferinnen für die millionenschweren Zuschüsse des Landes Thüringen gut anknüpfen. Sie freue sich über den neuen Aufbruch sowie den Beginn der Arbeiten. Frau Keller gab den erhaltenen Dank zurück an die Mitglieder des Fördervereins, die sich aufopfernd für die Belange des Hauses einsetzten. Das Motto der Operngala als „Slawischer Abend“ sei ein schönes, verbindendes Element, gerade in Zeiten neuer Grenzziehungen in vielen Bereichen.

Der Initiator dieses mit „Weites Land und weite Seele“ überschriebenen Programms, Intendant Daniel Klajner, betonte den Stolz, den er empfinde, als Vertreter von Künstlern aus 23 Nationen in einer der kleinsten Theaterstädte Deutschlands arbeiten zu können. „Wir alle sind extrem froh, hier das tun zu dürfen, was wir am besten können“, fasste er die Stimmung seines Ensembles zusammen. Als Eidgenosse sucht der Schweizer immer das Vereinende und Verbindende, will Menschen über die Kunst zueinander führen und Spaltungen überwinden. Kaum eine Region schien dafür geeigneter als der große slawische Kulturraum, dessen hervorragende Komponisten in den nächste drei Stunden von Solisten, Chor und dem Loh-Orchester zu Gehör gebracht wurden.

Und um es vorweg zu nehmen: es hat wohl noch keinen Abend im Nordhäuser Theater gegeben, an dem so viele russische Worte gesungen wurden. „Nicht mal in DDR-Zeiten, wenn die litauischen Partnertheater hier gastierten“, versicherten alte Theaterhasen glaubhaft.

Operngala (Foto: oas)
So widmete sich der erste Teil der Gala ausschließlich Peter Tschaikowskys großer Oper „Eugen Onegin“ und gab den Solisten Ingegjerd Bagoien Moe, Carolin Schumann, Kyounghan Seo, Philipp Franke und Yavor Genchev reichlich Gelegenheit, ihr großes Können und Empfinden der russische Seele unter Beweis zu stellen. Immer getragen von einem souveränen Loh-Orchester, dessen GMD Michael Helmrath sich dem Publikum als ebenso witziger wie weiser Moderator präsentierte.

Nach der Pause folgte der spannende Moment, der seit dreizehn Jahren die Würze dieser Saisoneröffnung darstellt; die Verkündigung des Theaterpreisträgers 2019. Ausgelobt vom Förderverein ging die Auszeichnung in diesem Jahr an das Loh-Orchester Sondershausen, das mit seinen 52 Musikerinnen und Musikern eines der ältesten deutschen Orchester ist und stolz auf eine 400-jährige Tradition zurückblicken kann. Stellvertretend nahm der Orchestervorstand die mit 1000 Euro dotierte Auszeichnung der Stiftung der Kreissparkasse Nordhausen entgegen.

In seiner Laudatio erzählte Michael Helmrath, der seit 2016 Generalmusikdirektor des Klangkörpers ist, wie er einer indischen Hochzeit gleich mit dem Orchester zusammenfand. „Braut und Bräutigam hatten sich vorher noch nicht gesehen und mussten gleich die Hochzeit vollziehen, sprich ein Sinfoniekonzert spielen“, scherzte der ehemalige Solo-Oboist der Münchner Philharmoniker, der unter Anleitung der Dirigentenlegende Sergiu Celibidache seine ersten Schwünge am Pult vollführte. Er empfinde nach wie vor große Ehrfurcht vor diesem Orchester, das einer seiner verehrten Vorgänger, Franz Liszt, einst „ein großes Wunder in einer kleinen Stadt“ genannt hatte. Traditionspflege und Förderung der Moderne seien auch heute noch die beiden Säulen, auf denen der Erfolg beruhe. Helmrath wünschte seinem Orchester ein langes, lebendiges und freudiges Musizieren.

Operngala (Foto: oas)
Werke von Smetana, Dvorák, Rimski-Korsakow, Borodin, Mussorgsky und wieder Peter Tschaikowsky folgten, in denen das Orchester eindrucksvoll unterstrich, dass es den Preis völlig zu Recht und nicht nur wegen des anstehenden Jubiläums errang. Neben den schon erwähnten Solisten konnte nun auch Amelie Petrich mit einer Arie und einer Vokalise überzeugen. Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als zum Abschluss Yavor Genchev gekonnt der Deutschen liebstes Russlandklischee bediente und das Trinklied des Warlaam aus „Boris Godunov“ angemessen angetrunken darstellte.

Der Rest war Jubel und mehrere Zugaben, die in -man höre und staune - dem Volkslied über die „Moskauer Nächte“ gipfelten, das vom Publikum lautstark mitgesummt wurde! In Nordhausen! Russisches Volkslied!

Den schlauen Intendanten, der in bewährter Manier als Conférencier durch den Abend führte, wird es gefreut haben. Er kann eben nicht nur Theater bauen, sondern auch Brücken.
Olaf Schulze

Über den Preisträger:
In der Geschichte der einstigen Hofkapelle der Residenzstadt Sondershausen gab es bis heute mehr als 40 leitende Dirigenten. Die Ursprünge des Loh-Orchesters, eines der ältesten Kulturorchester Deutschlands, reichen bis in das Jahr 1619 zurück. Kennzeichnend für das Orchester ist seit über 200 Jahren die besondere Nähe zur Bevölkerung: 1805 etablierte der damalige Fürst Günther Friedrich Carl I. von Schwarzburg-Sondershausen öffentliche, für jeden zugängliche, kostenfreie Konzerte auf dem Loh-Platz. Die Nähe zu den Besuchern ist bis heute ein ganz wesentliches Merkmal des Ensembles geblieben. Seit dem Zusammenschluss mit dem Theater Nordhausen im Jahr 1991 gehört es zur Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH und nimmt als Konzertorchester ebenso wie im Musiktheater und bei den Thüringer Schlossfestspielen Sondershausen vielfältige Aufgaben wahr. In diesem Jahr feiert das Loh-Orchester, die ehemalige fürstliche Kapelle, seinen 400. Geburtstag und ist nun auch verdienter Träger des 13. Theaterpreises.
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