Neues aus dem Wacker-Lager
Hans-Joachim Junker: "Es muss etwas passieren!"
Dienstag, 09. Juni 2020, 11:00 Uhr
In knapp einer Woche sollen beim FSV Wacker 90 Nordhausen entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt werden. Wie soll es weitergehen, wer wird im Präsidium arbeiten? Wird es überhaupt ein neues Präsidium geben? Wir haben uns mit Hans-Joachim Junker unterhalten…
nnz: Herr Junker, wie beschreiben Sie den Ist-Zustand im Verein?
Junker: Das personell dezimierte Präsidium hat mit Unterstützung des Ehrenrates immer versucht, den Verein am Leben zu halten und das war bislang nicht leicht, das können Sie mir glauben. Aber wir haben uns dem gestellt, sind nicht von Bord gegangen. Ich kann mir trotzdem mein persönliches Leben ohne Wacker nicht vorstellen, obwohl die letzten Monate schon sehr viel Kraft gekostet haben. Bis zum 30. Juni haben alle verbliebenen ehemaligen Spieler, die bei der Spielbetriebs GmbH angestellt waren, einen Arbeitsvertrag mit dem Verein auf Minijob-Basis. Das betrifft sowohl die Spieler der Regional- als auch der Oberliga-Mannschaft.
Hans-Joachim Junker im Jahr 2018 (Foto: Archivbild Bernd Peter)
nnz: Das bedeutet…
Junker: ... dass wir spielfähige Mannschaften im Männerbereich einschließlich Funktionsteam bis Saisonende an den Verein binden konnten. Und das aufgrund der Corona-Pandemie alles anders kam: Keine Spiele, keine Spieltagsseinnahmen, kein Mannschaftstraining, die Spieler halten sich individuell nach Trainingsplänen fit.
nnz: Und wie wird das finanziert?
Junker: Wir konnten zum Beispiel neue Sponsorenverträge bis Spieljahresende abschließen. Darüber hinaus gab es mehr als 10.000 Euro an Einnahmen aus dem Verkauf der Wacker-Aktien. Leider konnten wir die April-Gelder nicht auszahlen, haben für diesen Umstand jedoch bei vielen Spielern großes Verständnis gefunden. Wir befinden uns eben gegenwärtig auf einer Gratwanderung und ich will das hier so deutlich sagen. Unser Verein mit seiner mehr als 110jährigen Tradition ist existentiell gefährdet und nur gemeinsam kann er mit vielen Akteuren der Region in ruhige Fahrwasser kommen. Denn das was an Substanz an Mannschaften über alle Altersklassen aufgebaut wurde, hat Stellenwert über Thüringen hinaus und darf nicht leichtfertig untergehen. Auch wenn rückschauend speziell im Männerbereich der Preis zu hoch war.
nnz: Konkret?
Junker: Wir müssen unbedingt am 15. Juni ein neues Präsidium wählen, das dann sofort die Weichen für die zukünftige Ausrichtung unseres Vereins stellen muss. Neue Köpfe mit neuen Ideen sind für einen glaubwürdigen Neustart, für eine erfolgreiche, nachhaltigere Vereinsentwicklung gefragt.
nnz: Und wo soll das Geld dafür herkommen?
Junker: Unabhängig von der Entscheidung der neuen Präsidialen mit wie viel Männermannschaften in welcher Liga gespielt wird, glaube ich, Wacker Nordhausen muss einen Amateurstatus realisieren. Dazu muss ein Modell gefunden werden, das vielen Seiten gerecht wird.
nnz: Das aber wird nicht reichen, um zu überleben.
Junker: Richtig, wir brauchen die neuen Köpfe für ein neues Präsidium und für den Pool an Sponsoren. Wie ich gehört und auch gelesen habe, soll es durchaus Menschen geben, die Wacker weiterhin oder wieder neu unterstützen würden. Aber: das dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse sein, es müssen auch Taten folgen.
nnz: Wenn da nicht das Damoklesschwert der insolventen Spielbetriebs GmbH schweben würde und deren finanzielle Verquickungen zum Verein…
Junker: Der Leitgedanke mit der Ausgründung einer Spielbetriebsgesellschaft und Bündelung der bezahlten Spieler war, bei Turbulenzen bis zur Insolvenz der Gesellschaft, wie geschehen, dass der Verein keinen Schaden nimmt. Die im Raum stehenden Forderungen waren mir vor dem Insolvenzantrag der GmbH so nicht bekannt. Aber es gibt eine klare Vereinbarung zwischen Gesellschaft und Verein über abgetretene Rechte an die GmbH und die Gegenleistungen an den Verein. Außerdem gibt es eine Erklärung der Geschäftsführung der GmbH, in der vermerkt ist, dass es keine Forderungen an den Verein gibt. Eine rechtliche Würdigung all dessen kann ich mir als juristischer Laie nicht erlauben.
nnz: Die Fans des blau-weißen Fußballs wollen sich künftig mehr in das Vereinsleben und in die Führung einmischen. Wie sehen Sie das?
Junker: Ich glaube, dass es wichtig ist, die Fans auf einer anderen Basis als bisher einzubeziehen. Vorstellbar wäre für mich unter anderem die Mitarbeit eines Fanvertreters in einem zu schaffenden Kontrollgremium sowie bei der Erarbeitung oder Überarbeitung vereinsinterner Richtlinien, zum Beispiel der Satzung.
nnz: Der FSV ist aber nicht nur die 1. und die U23-Mannschaft, sondern auch und vor allem der Nachwuchs…
Junker: Und der liegt mir ganz besonders am Herzen. Die Nachwuchsarbeit muss nicht nur erhalten, sie muss auf ganz andere Beine gestellt werden. In Gesprächen mit Eltern habe ich erfahren, dass viele von ihnen durchaus bereit sind, sich einzubringen. Sie sehen ihre Kinder an der Parkallee nicht nur des Fußballs wegen gut aufgehoben, sie wissen die sozialen Kontakte oder die Teambildung zu schätzen. Auch hier wird das neue Präsidium ein Augenmerk drauf legen, das ist selbsterklärend.
nnz: Dem Sie wieder angehören wollen…
Junker: Nein. Ich bin bald 69 und ich sehe eine neue, eine andere Generation in der Verantwortung. Deren Herzen schon immer für Wacker geschlagen haben, die den Verein, dessen Geist und Chemie kennen. Ich könnte mir mehrere Personen vorstellen, die um sich ein schlagkräftiges Team bilden, so dass meine Hoffnung auf einen Neustart nicht aus der Luft gegriffen ist.
nnz: Und das war es dann für Sie?
Junker: Nein, ich werde dem Verein immer verbunden bleiben. Wenn es gewünscht ist, werde ich auch wieder Aufgaben übernehmen, allerdings nicht in einem Gremium. Wenn ich mit dem einen oder anderen Rat helfen kann, dann gern. Die Aufgaben werden an Fülle nicht abnehmen und da werden nicht nur Euros gebraucht, sondern vor allem Menschen, die sich mit dem Fußball an der Parkallee verbunden fühlen. Das Ehrenamtliche und die Nähe zur Region sind es doch, was einen Verein ausmacht. Beides war in den zurückliegenden Jahren leider verloren gegangen. Und das muss ich mir selbstkritisch auch auf meine Fahnen schreiben. Ich hoffe, dass aus der jetzt nicht gerade erfreulichen Situation die Chance für einen Neubeginn erwachsen kann. Die Wahl eines Präsidiums am kommenden Montag wäre dazu ein erster Schritt.
nnz: Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Hans-Joachim Junker sprach Peter-Stefan Greiner
Autor: rednnz: Herr Junker, wie beschreiben Sie den Ist-Zustand im Verein?
Junker: Das personell dezimierte Präsidium hat mit Unterstützung des Ehrenrates immer versucht, den Verein am Leben zu halten und das war bislang nicht leicht, das können Sie mir glauben. Aber wir haben uns dem gestellt, sind nicht von Bord gegangen. Ich kann mir trotzdem mein persönliches Leben ohne Wacker nicht vorstellen, obwohl die letzten Monate schon sehr viel Kraft gekostet haben. Bis zum 30. Juni haben alle verbliebenen ehemaligen Spieler, die bei der Spielbetriebs GmbH angestellt waren, einen Arbeitsvertrag mit dem Verein auf Minijob-Basis. Das betrifft sowohl die Spieler der Regional- als auch der Oberliga-Mannschaft.
Hans-Joachim Junker im Jahr 2018 (Foto: Archivbild Bernd Peter)
nnz: Das bedeutet…
Junker: ... dass wir spielfähige Mannschaften im Männerbereich einschließlich Funktionsteam bis Saisonende an den Verein binden konnten. Und das aufgrund der Corona-Pandemie alles anders kam: Keine Spiele, keine Spieltagsseinnahmen, kein Mannschaftstraining, die Spieler halten sich individuell nach Trainingsplänen fit.
nnz: Und wie wird das finanziert?
Junker: Wir konnten zum Beispiel neue Sponsorenverträge bis Spieljahresende abschließen. Darüber hinaus gab es mehr als 10.000 Euro an Einnahmen aus dem Verkauf der Wacker-Aktien. Leider konnten wir die April-Gelder nicht auszahlen, haben für diesen Umstand jedoch bei vielen Spielern großes Verständnis gefunden. Wir befinden uns eben gegenwärtig auf einer Gratwanderung und ich will das hier so deutlich sagen. Unser Verein mit seiner mehr als 110jährigen Tradition ist existentiell gefährdet und nur gemeinsam kann er mit vielen Akteuren der Region in ruhige Fahrwasser kommen. Denn das was an Substanz an Mannschaften über alle Altersklassen aufgebaut wurde, hat Stellenwert über Thüringen hinaus und darf nicht leichtfertig untergehen. Auch wenn rückschauend speziell im Männerbereich der Preis zu hoch war.
nnz: Konkret?
Junker: Wir müssen unbedingt am 15. Juni ein neues Präsidium wählen, das dann sofort die Weichen für die zukünftige Ausrichtung unseres Vereins stellen muss. Neue Köpfe mit neuen Ideen sind für einen glaubwürdigen Neustart, für eine erfolgreiche, nachhaltigere Vereinsentwicklung gefragt.
nnz: Und wo soll das Geld dafür herkommen?
Junker: Unabhängig von der Entscheidung der neuen Präsidialen mit wie viel Männermannschaften in welcher Liga gespielt wird, glaube ich, Wacker Nordhausen muss einen Amateurstatus realisieren. Dazu muss ein Modell gefunden werden, das vielen Seiten gerecht wird.
nnz: Das aber wird nicht reichen, um zu überleben.
Junker: Richtig, wir brauchen die neuen Köpfe für ein neues Präsidium und für den Pool an Sponsoren. Wie ich gehört und auch gelesen habe, soll es durchaus Menschen geben, die Wacker weiterhin oder wieder neu unterstützen würden. Aber: das dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse sein, es müssen auch Taten folgen.
nnz: Wenn da nicht das Damoklesschwert der insolventen Spielbetriebs GmbH schweben würde und deren finanzielle Verquickungen zum Verein…
Junker: Der Leitgedanke mit der Ausgründung einer Spielbetriebsgesellschaft und Bündelung der bezahlten Spieler war, bei Turbulenzen bis zur Insolvenz der Gesellschaft, wie geschehen, dass der Verein keinen Schaden nimmt. Die im Raum stehenden Forderungen waren mir vor dem Insolvenzantrag der GmbH so nicht bekannt. Aber es gibt eine klare Vereinbarung zwischen Gesellschaft und Verein über abgetretene Rechte an die GmbH und die Gegenleistungen an den Verein. Außerdem gibt es eine Erklärung der Geschäftsführung der GmbH, in der vermerkt ist, dass es keine Forderungen an den Verein gibt. Eine rechtliche Würdigung all dessen kann ich mir als juristischer Laie nicht erlauben.
nnz: Die Fans des blau-weißen Fußballs wollen sich künftig mehr in das Vereinsleben und in die Führung einmischen. Wie sehen Sie das?
Junker: Ich glaube, dass es wichtig ist, die Fans auf einer anderen Basis als bisher einzubeziehen. Vorstellbar wäre für mich unter anderem die Mitarbeit eines Fanvertreters in einem zu schaffenden Kontrollgremium sowie bei der Erarbeitung oder Überarbeitung vereinsinterner Richtlinien, zum Beispiel der Satzung.
nnz: Der FSV ist aber nicht nur die 1. und die U23-Mannschaft, sondern auch und vor allem der Nachwuchs…
Junker: Und der liegt mir ganz besonders am Herzen. Die Nachwuchsarbeit muss nicht nur erhalten, sie muss auf ganz andere Beine gestellt werden. In Gesprächen mit Eltern habe ich erfahren, dass viele von ihnen durchaus bereit sind, sich einzubringen. Sie sehen ihre Kinder an der Parkallee nicht nur des Fußballs wegen gut aufgehoben, sie wissen die sozialen Kontakte oder die Teambildung zu schätzen. Auch hier wird das neue Präsidium ein Augenmerk drauf legen, das ist selbsterklärend.
nnz: Dem Sie wieder angehören wollen…
Junker: Nein. Ich bin bald 69 und ich sehe eine neue, eine andere Generation in der Verantwortung. Deren Herzen schon immer für Wacker geschlagen haben, die den Verein, dessen Geist und Chemie kennen. Ich könnte mir mehrere Personen vorstellen, die um sich ein schlagkräftiges Team bilden, so dass meine Hoffnung auf einen Neustart nicht aus der Luft gegriffen ist.
nnz: Und das war es dann für Sie?
Junker: Nein, ich werde dem Verein immer verbunden bleiben. Wenn es gewünscht ist, werde ich auch wieder Aufgaben übernehmen, allerdings nicht in einem Gremium. Wenn ich mit dem einen oder anderen Rat helfen kann, dann gern. Die Aufgaben werden an Fülle nicht abnehmen und da werden nicht nur Euros gebraucht, sondern vor allem Menschen, die sich mit dem Fußball an der Parkallee verbunden fühlen. Das Ehrenamtliche und die Nähe zur Region sind es doch, was einen Verein ausmacht. Beides war in den zurückliegenden Jahren leider verloren gegangen. Und das muss ich mir selbstkritisch auch auf meine Fahnen schreiben. Ich hoffe, dass aus der jetzt nicht gerade erfreulichen Situation die Chance für einen Neubeginn erwachsen kann. Die Wahl eines Präsidiums am kommenden Montag wäre dazu ein erster Schritt.
nnz: Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Hans-Joachim Junker sprach Peter-Stefan Greiner
