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Meine Meinung

Buckelwal Timmy: Artenschutz ad absurdum

Freitag, 01. Mai 2026, 16:00 Uhr
Über die Bemühungen um das Leben des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals Timmy in der Lokalzeitung nnz zu schreiben, macht mir durchaus Bauchschmerzen. Aber auch uns in Thüringen und im Landkreis Nordhausen hat Timmy etwas zu sagen, meint nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg...

Wal auf offener See (Beispielbild) (Foto: Pixabay) Wal auf offener See (Beispielbild) (Foto: Pixabay)
Laut whales.org ersticken jährlich mehr als 300.000 Wale und Delfine weltweit qualvoll für unseren Wohlstand, beschönigend als Beifang in Netzen deklariert, die unseren Supermarkt-Dosenfisch aus den Meeren holen. Dazu kommen laut Statistischem Bundesamt 44 bis 45 Mio. namenlose Rinder und Schweine, die allein in Deutschland nach einem oftmals sehr traurigen Leben in engen Boxen nicht als Tier, sondern als Profitturbomaschine gewerblich zur Befriedigung unseres Hungers geschlachtet werden.

Was nützt angesichts dieser Zahlen die europäische Heuchelei von Tierschutz, wenn zum Beispiel ein paar kleine Kätzchen von ihren Besitzern ausgesetzt oder misshandelt werden und einen Sturm der Entrüstung auslösen.

Oder beim armen Buckelwal Timmy: 200.000 Exemplare allein von dieser Meeressäugerart sind im Zuge des kommerziellen Walfangs bis zum 20. Jahrhundert massakriert worden, woran auch Deutschland beteiligt war. Der Buckelwal stand, ebenso wie viele andere Walarten, vor der Ausrottung.

Vor diesen Hintergründen mutet die Hysterie um Timmy deplatziert und grotesk an, denn für die mehreren hundert täglich in den Fischernetzen der Welt verendenden oder von Schiffsschrauben geschredderten Walen ist den meisten Redaktionen die Druckerschwärze zu teuer.

Aber Timmy hat, und das ist sein Glück und Pech zugleich, ein Gesicht. Die Wasserdampffontänen aus seinen Nasenlöchern, der so genannte Blas, wabern als Lebenszeichen des Geschundenen durch die Medien, sie und jede Bewegung von Fluke und Flippern emotionalisieren, drücken auf die Tränendrüsen. Er ist vor unser aller Augen gestrandet, und vor unser aller Augen vollzieht sich sein Leiden, ja sein oft vermuteter Sterbeprozess. Das ist eine Beobachtung, wie wir sie aus unserem menschlichen Alltag und aus der Bibel kennen. – Hier können wir, das ist der Unterschied zu den Schlachthöfen und Beifängen, nicht wegsehen. Fatale Psychologie also?

Mit unglaublichen Folgen: Aus Hawaii wird eine Wal-Tierärztin eingeflogen, die sich hernach mit dem deutschen Team zerstreitet. Eine beteiligte deutsche Tierärztin erleidet einen lebensbedrohlichen Zusammenbruch, Walexperten prügeln rhetorisch auf sich ein und der mecklenburgische Umweltminister Backhaus lässt sich dermaßen unter Druck setzen, dass er sich beim Wal ganze Nächte um die Ohren schlägt.

Morddrohungen, ausgesprochen durch fanatische Tierschützer wegen angeblicher Fehl- oder zu langsamer Entscheidungen machen die Runde, Tech-Millionäre finanzieren Timmys Rettung. Und wem das noch nicht reicht, dann vielleicht zwei waltrunkene Frauen, die Polizeiabsperrungen durchbrachen, um zu ihrem Kuscheltier zu schwimmen. Dieser müsste so viel menschliche Nächstenliebe als Wildtier und auf Grund des Massenmords an seinen Vorfahren eigentlich als bedrohlich empfinden.

Dass offensichtlich Teile eines Fischernetzes seinen Verdauungstrakt verstopfen, ein Netz also, mit dem andere Meeresbewohner gefangen und schließlich zu Konserven verarbeitet wurden, und welches ihn dadurch möglicherweise zum qualvollen Sterben verurteilt, - geschenkt.

Gewiss ist es menschlich und nicht zu verurteilen, wenn Menschen einem großen Wal, also einem Wirbeltier, so wie wir selbst eins sind, in einer Notsituation helfen wollen. Aber die Relationen dieses Hilfsprozesses stimmen angesichts des allgegenwärtigen, verdrängten und menschgemachten Massensterbens anderer Wirbeltiere nicht mehr.

Andere Länder blicken daher etwas verwundert auf Deutschland. Unter der Überschrift „Dort lässt man die Tiere sterben“ berichtete beispielsweise ntv in seiner Onlineausgabe, dass u.a. in Dänemark und Japan öfter Wale stranden, ohne dass jemand eingreift. In Dänemark gilt demnach laut dem dortigen Umweltministerium für gestrandete Wale, „die Natur solle ihren Lauf nehmen.“

Und was hat das Spektakel, um den Buckelwal vor unserer Küste mit Thüringen und dem Landkreis Nordhausen zu tun? Prinzipiell ist es so, dass auch hierzulande attraktive, große und medienwirksame Tiere wie Luchs, Wolf, Storch und Wildkatze die zentrale Rolle für Politik und Umweltverbände spielen, wenn es darum geht, Erfolge im Naturschutz zu feiern oder aber zu fordern. Sie eignen sich wie Timmy hervorragend, um die eklatanten Defizite im Natur- und Umweltschutz zu übertünchen, aber auch, um die Geld-Schatulle umweltbewegter Mitbürger für unsere Umweltverbände zu öffnen.

Obwohl die natürlich auch schützenswerten Arten Luchs und Wolf am Ende der Nahrungskette stehen, aber deren Überleben und auch unsere eigenes von der Existenz tausender meist nur Experten bekannter und zahlreicher unbekannter Arten, wie Schnecken, Insekten und wirbelloser Tiere im Boden abhängt, vom Funktionieren ganzer Ökosysteme mit Pflanzen und vielen kleinen Tieren also, wird der öffentliche Blick auf diese attraktiven Arten verengt.

Schauen wir zum Beispiel weiterhin dem auch von der Globalisierung getriebenen Verlust fruchtbarer Böden mit Milliarden kleiner Bodenlebewesen durch Austrocknung und Chemisierung tatenlos zu, so hat dies enorme Auswirkungen auf unsere Ernährungssicherheit und unseren materiellen Wohlstand.

Das Überleben der Menschheit hängt an weniger als zehn überwiegend hässlichen Grasarten, auf den immer schlechteren Böden wachsen müssen. Hand aufs Herz: Können Sie Weizen und Roggen voneinander unterscheiden?

Ich selbst rette mit einigem Erfolg heimische Wildpflanzen vor so mancher behördlicher Ignoranz: Ein gesellschaftliches Problem mutiert dank des Desinteresses vieler Verantwortlicher zu meinem Privatvergnügen. Das Ergebnis all dieser Schieflagen ist dann der „unbiologische“ aber menschlich verständliche Hype, den wir rund um Timmy und seine hoffentlich erfolgreiche Rettung erlebt haben.

Sein Leiden und die Millionen, die in sein erhofftes Überleben geflossen sind, wären nur sinnvoll angelegtes Geld, wenn sie zur Beseitigung der zahlreichen Probleme für unsere nächsten Meeres-Verwandten beitragen, weil diese letztlich auf uns selbst zurückschlagen: Die Überfischung des Herings als eine Hauptnahrungsquelle von Timmy, der Existenz tausender Geisternetze in den Weltmeeren, in denen all die namenlosen Timmys qualvoll ertrinken, oder die lauten Schiffsdiesel, die die Verständigung unter den Walen stören und zu fatalen Wal-Strandungen und Verletzungen durch Schiffsschrauben führen können. Und letztlich der Klimawandel, der unsere Meere versauert und dort zunehmend mit für leblose Todeszonen sorgt.

Nun wird Timmy aktuell mit einem Kahn in Richtung Atlantik gebracht. Hoffen wir, dass er durch den Stress der letzten Wochen nicht so geschwächt ist, dass er im wilden Atlantik keine neue Kraft tanken kann. – Trotz des vermuteten Fischernetzes in seinem Bauch.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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