So, 08:55 Uhr
15.03.2015
Die Erinnerung wird wach gehalten
In Heilbad Heiligenstadt soll mit zehn weiteren sogenannten Stolpersteinen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. Die nächsten werden am Mittwoch verlegt....
Bereits in den Jahren 2007 und 2009 konnten im Rahmen der von der Heiligenstädter Union initiierten Aktion Stolpersteine für Heilbad Heiligenstadt bisher 27 dieser kleinen Gedenksteine in Heilbad Heiligenstadt verlegt werden, um somit an ehemalige Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern, die in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur wegen ihrer Religion, ihres Widerstandes, ihrer politischen Weltanschauung, ihrer körperlichen oder geistigen Erkrankungen oder ihrer ethnischen Herkunft verfolgt, entrechtet oder ermordet wurden.
Umso erfreulicher ist es, das am kommenden Mittwoch (18.03.2015) der Kölner Künstler Gunter Demnig wieder in unserer Heimatstadt weilt, um ab 9.00 Uhr insgesamt zehn weitere Stolpersteine in Heilbad Heiligenstadt verlegen zu können. Dass dies möglich wird, ist neben zahlreichen Einzelspenden vor allem dem am 15.11.2014 in Heiligenstadt erstmalig durchgeführten Benefizlauf zu Gunsten der Aktion Stolpersteine zu verdanken.
Durch das Engagement von Frau Katrin Schleiff in Kooperation mit dem 1. Eichsfelder Sportclub ist es möglich, dass allein acht der Stolpersteine durch diesen Benefizlauf realisiert werden können. Da beim jetzigen Termin in der kommenden Woche nur zehn Steine verlegt werden können, werden weitere Steine voraussichtlich im Herbst dieses Jahres folgen.
Ludolph Müller (Foto: Archiv)
Am Mittwoch wird zunächst ein Stolperstein im Knickhagen 15 vor dem Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde St. Martin in Gedenken an den damaligen Superintendenten Ludolf Müller (1882-1959) verlegt werden. Müller der in der Bekennenden Kirche sehr aktiv war, wurde wegen seiner Aktivitäten zunächst von 1934 bis 1935 nach Staats (Altmark) strafversetzt.
Nach seiner Rückkehr nach Heiligenstadt wurde er am 23.06.1937 zum ersten Mal verhaftet und kam in die Untersuchungshaftanstalten nach Berlin- Moabit und Magdeburg. Nach seiner Entlassung erfolgte dann im Jahr 1938 eine Gestapohaft. Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde Ludolf Müller der erste evangelische Landesbischof der Kirchenprovinz Sachsen.
Am Standort des heutigen Katholischen Gymnasiums St. Elisabeth stand bis zu seinem Abriss am Kasseler Tor 18 das frühere Haus des jüdischen Pferdehändlers Jakob Schwabe, der 1934 in Heiligenstadt starb und hier auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde.
Zu Zeiten der ehemaligen DDR wurde das Grundstück von der hier ansässigen OGS genutzt. Dort soll an seine Witwe Regina Schwabe geb. Miltenberg und deren beiden Söhne Alfred und Max erinnert werden. Regina Schwabe (*1865) hatte Heiligenstadt 1939 verlassen und emigrierte in die Vereinigten Staaten. Sohn Alfred, der 1900 in Heiligenstadt geboren wurde, floh bereits 1934 in die USA. Sein 1906 in Heiligenstadt geborener Bruder Max verließ Heiligenstadt 1939 nach Kanada.
Pfr. Franz Zeuch (Foto: Archiv)
Am Marktplatz 5 vor dem Pfarrhaus der katholischen Pfarrgemeinde St. Aegidien wird ab kommenden Mittwoch an den damaligen Pfarrer Franz Zeuch (1883-1964) erinnert werden. Der gebürtige Küllstedter war nach seinen theologischen Studien und der Priesterweihe zunächst Pfarrer in Gernrode bevor er
1935 an die Neustädter Kirche kam. Nach einem ersten Vorfall anlässlich des Führergeburtstages im Jahr 1935 wurde er dann auf Grund eines Vorkommnisses im Herbst 1940 denunziert und daraufhin am 19.10.1940 durch die Gestapo verhaftet und anschließend ins Gestapogefängnis nach Erfurt gebracht und von dort ins KZ Dachau überstellt. Zeuch wurde am 18.03.1941 unter der Auflage nicht wieder nach Heiligenstadt zurückkehren zu dürfen aus dem KZ Dachau entlassen und wechselte in das Erzbistum Paderborn über, wo er eine Pfarrstelle in Amelunxen übernahm.
In der Windischen Gasse 4 werden vor der letzten Wohnanschrift der Familie Wertheim zu deren Gedenken fünf Stolpersteine verlegt werden. Bei dem Schicksal der Familie Wertheim zeigt sich die ganze Menschenverachtung und Brutalität des nationalsozialistischen Systems. Nach dem die Familie in den 20iger Jahren von Bremke nach Heiligenstadt übersiedelte und der Vater durch gewerbliche Aktivitäten seine Familie ernährte, wurde er mit seiner Frau, dem Sohn und den beiden Zwillingstöchtern Opfer des gnadenlosen Regimes.
Paul Wertheim (*1885) wurde nach dem Novemberpogrom 1938 erstmalig im KZ Buchenwald interniert. Nach seiner Rückkehr und der späteren Zwangsumsiedlung mit den weiteren Heiligenstädter Juden im Jahr 1941 nach Hüpstedt wurde er kurze Zeit später dort durch die Gestapo verhaftet und ins KZ Buchenwald inhaftiert. Von dort wurde er am 12.03.1942 mit einem Transport in die Tötungsanstalt Bernburg an der Saale überstellt und dort noch am selben Tag vergast.
Sein offizielles Todesdatum beim Standesamt Weimar wurde zum Zweck der Vertuschung erst auf den 23.03.1942 beurkundet. Seine Ehefrau Ida Wertheim geb. Adler stammte gebürtig aus Bremke und wurde dort 1884 geboren. Mit ihrem Mann und den Zwillingstöchtern wurde sie 1941 nach Hüpstedt zwangsumgesiedelt, wo sie gemeinsam mit den weiteren Heiligenstädter Juden zunächst im ehemaligen Verwaltungsgebäude des stillgelegten Schachts Felsenfest lebte. Nach ihrer Deportation am 09.05.1942 nach Belzyce bei Lublin verliert sich ihre Spur. Auf Grund der allgemeinen historischen Forschung kann davon ausgegangen werden, dass sie bereits Ende 1942 beziehungsweise Anfang 1943 dort ums Leben kam.
Ihr gemeinsamer Sohn Heinz, der 1921 in Bremke zur Welt kam hatte nach einer Schutzhaft im KZ Dachau zunächst durch seine Flucht nach Holland versucht, sich dort in Sicherheit zu bringen. Nach seiner Verhaftung und der Internierung im Lager Westerbork wurde er von dort 1943 nach Auschwitz-Monowitz deportiert, wo er am 03.12.1943 umgekommen ist.
Seine Zwillingsschwestern Erna und Senta (*1922) wurden wie er und seine Mutter in Bremke geboren. Mit den Eltern zunächst 1941 nach Hüpstedt zwangsumgesiedelt wurden sie mit ihrer Mutter Ida dann im Mai 1942 nach Belzyce bei Lublin deportiert, wo Erna wie ihre Mutter ums Leben kam. Ihre Zwillingsschwester Senta hingegen wurde von Belzyce aus in das Konzentrationslager Majdanek verschleppt wo sie nachweislich am 11.08.1944 ermordet wurde.
An diesen zehn so verschiedenen Schicksalen ehemaliger Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Heimatstadt Heilbad Heiligenstadt erkennt man, wie wichtig es ist, dieses dunkle Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte nie zu vergessen und die Erinnerung daran, vor allem aber an die Menschen, die
Furchtbares erlitten haben, wach zu halten.
Um dieses Erinnern auch in Zukunft zu ermöglichen und weitere Stolpersteine verlegen zu können, freut sich die Aktion Stolpersteine für Heilbad Heiligenstadt über jede kleine wie große Spende.
Diese können Sie gern auf unser Spendenkonto: Aktion Stolpersteine für Heilbad Heiligenstadt IBAN: DE56 3706 0193 5000 0050 55 bei der Pax-Bank eG einzahlen. Bitte geben Sie im Verwendungszweck Ihre vollständige Adresse an. Für Ihre Mithilfe und Unterstützung danken wir Ihnen.
Christian Stützer
Stellvertretender Vorsitzender der Heiligenstädter Union
Autor: enBereits in den Jahren 2007 und 2009 konnten im Rahmen der von der Heiligenstädter Union initiierten Aktion Stolpersteine für Heilbad Heiligenstadt bisher 27 dieser kleinen Gedenksteine in Heilbad Heiligenstadt verlegt werden, um somit an ehemalige Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern, die in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur wegen ihrer Religion, ihres Widerstandes, ihrer politischen Weltanschauung, ihrer körperlichen oder geistigen Erkrankungen oder ihrer ethnischen Herkunft verfolgt, entrechtet oder ermordet wurden.
Umso erfreulicher ist es, das am kommenden Mittwoch (18.03.2015) der Kölner Künstler Gunter Demnig wieder in unserer Heimatstadt weilt, um ab 9.00 Uhr insgesamt zehn weitere Stolpersteine in Heilbad Heiligenstadt verlegen zu können. Dass dies möglich wird, ist neben zahlreichen Einzelspenden vor allem dem am 15.11.2014 in Heiligenstadt erstmalig durchgeführten Benefizlauf zu Gunsten der Aktion Stolpersteine zu verdanken.
Durch das Engagement von Frau Katrin Schleiff in Kooperation mit dem 1. Eichsfelder Sportclub ist es möglich, dass allein acht der Stolpersteine durch diesen Benefizlauf realisiert werden können. Da beim jetzigen Termin in der kommenden Woche nur zehn Steine verlegt werden können, werden weitere Steine voraussichtlich im Herbst dieses Jahres folgen.
Ludolph Müller (Foto: Archiv)
Am Mittwoch wird zunächst ein Stolperstein im Knickhagen 15 vor dem Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde St. Martin in Gedenken an den damaligen Superintendenten Ludolf Müller (1882-1959) verlegt werden. Müller der in der Bekennenden Kirche sehr aktiv war, wurde wegen seiner Aktivitäten zunächst von 1934 bis 1935 nach Staats (Altmark) strafversetzt. Nach seiner Rückkehr nach Heiligenstadt wurde er am 23.06.1937 zum ersten Mal verhaftet und kam in die Untersuchungshaftanstalten nach Berlin- Moabit und Magdeburg. Nach seiner Entlassung erfolgte dann im Jahr 1938 eine Gestapohaft. Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde Ludolf Müller der erste evangelische Landesbischof der Kirchenprovinz Sachsen.
Am Standort des heutigen Katholischen Gymnasiums St. Elisabeth stand bis zu seinem Abriss am Kasseler Tor 18 das frühere Haus des jüdischen Pferdehändlers Jakob Schwabe, der 1934 in Heiligenstadt starb und hier auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde.
Zu Zeiten der ehemaligen DDR wurde das Grundstück von der hier ansässigen OGS genutzt. Dort soll an seine Witwe Regina Schwabe geb. Miltenberg und deren beiden Söhne Alfred und Max erinnert werden. Regina Schwabe (*1865) hatte Heiligenstadt 1939 verlassen und emigrierte in die Vereinigten Staaten. Sohn Alfred, der 1900 in Heiligenstadt geboren wurde, floh bereits 1934 in die USA. Sein 1906 in Heiligenstadt geborener Bruder Max verließ Heiligenstadt 1939 nach Kanada.
Pfr. Franz Zeuch (Foto: Archiv)
Am Marktplatz 5 vor dem Pfarrhaus der katholischen Pfarrgemeinde St. Aegidien wird ab kommenden Mittwoch an den damaligen Pfarrer Franz Zeuch (1883-1964) erinnert werden. Der gebürtige Küllstedter war nach seinen theologischen Studien und der Priesterweihe zunächst Pfarrer in Gernrode bevor er 1935 an die Neustädter Kirche kam. Nach einem ersten Vorfall anlässlich des Führergeburtstages im Jahr 1935 wurde er dann auf Grund eines Vorkommnisses im Herbst 1940 denunziert und daraufhin am 19.10.1940 durch die Gestapo verhaftet und anschließend ins Gestapogefängnis nach Erfurt gebracht und von dort ins KZ Dachau überstellt. Zeuch wurde am 18.03.1941 unter der Auflage nicht wieder nach Heiligenstadt zurückkehren zu dürfen aus dem KZ Dachau entlassen und wechselte in das Erzbistum Paderborn über, wo er eine Pfarrstelle in Amelunxen übernahm.
In der Windischen Gasse 4 werden vor der letzten Wohnanschrift der Familie Wertheim zu deren Gedenken fünf Stolpersteine verlegt werden. Bei dem Schicksal der Familie Wertheim zeigt sich die ganze Menschenverachtung und Brutalität des nationalsozialistischen Systems. Nach dem die Familie in den 20iger Jahren von Bremke nach Heiligenstadt übersiedelte und der Vater durch gewerbliche Aktivitäten seine Familie ernährte, wurde er mit seiner Frau, dem Sohn und den beiden Zwillingstöchtern Opfer des gnadenlosen Regimes.
Paul Wertheim (*1885) wurde nach dem Novemberpogrom 1938 erstmalig im KZ Buchenwald interniert. Nach seiner Rückkehr und der späteren Zwangsumsiedlung mit den weiteren Heiligenstädter Juden im Jahr 1941 nach Hüpstedt wurde er kurze Zeit später dort durch die Gestapo verhaftet und ins KZ Buchenwald inhaftiert. Von dort wurde er am 12.03.1942 mit einem Transport in die Tötungsanstalt Bernburg an der Saale überstellt und dort noch am selben Tag vergast.
Sein offizielles Todesdatum beim Standesamt Weimar wurde zum Zweck der Vertuschung erst auf den 23.03.1942 beurkundet. Seine Ehefrau Ida Wertheim geb. Adler stammte gebürtig aus Bremke und wurde dort 1884 geboren. Mit ihrem Mann und den Zwillingstöchtern wurde sie 1941 nach Hüpstedt zwangsumgesiedelt, wo sie gemeinsam mit den weiteren Heiligenstädter Juden zunächst im ehemaligen Verwaltungsgebäude des stillgelegten Schachts Felsenfest lebte. Nach ihrer Deportation am 09.05.1942 nach Belzyce bei Lublin verliert sich ihre Spur. Auf Grund der allgemeinen historischen Forschung kann davon ausgegangen werden, dass sie bereits Ende 1942 beziehungsweise Anfang 1943 dort ums Leben kam.
Ihr gemeinsamer Sohn Heinz, der 1921 in Bremke zur Welt kam hatte nach einer Schutzhaft im KZ Dachau zunächst durch seine Flucht nach Holland versucht, sich dort in Sicherheit zu bringen. Nach seiner Verhaftung und der Internierung im Lager Westerbork wurde er von dort 1943 nach Auschwitz-Monowitz deportiert, wo er am 03.12.1943 umgekommen ist.
Seine Zwillingsschwestern Erna und Senta (*1922) wurden wie er und seine Mutter in Bremke geboren. Mit den Eltern zunächst 1941 nach Hüpstedt zwangsumgesiedelt wurden sie mit ihrer Mutter Ida dann im Mai 1942 nach Belzyce bei Lublin deportiert, wo Erna wie ihre Mutter ums Leben kam. Ihre Zwillingsschwester Senta hingegen wurde von Belzyce aus in das Konzentrationslager Majdanek verschleppt wo sie nachweislich am 11.08.1944 ermordet wurde.
An diesen zehn so verschiedenen Schicksalen ehemaliger Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Heimatstadt Heilbad Heiligenstadt erkennt man, wie wichtig es ist, dieses dunkle Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte nie zu vergessen und die Erinnerung daran, vor allem aber an die Menschen, die
Furchtbares erlitten haben, wach zu halten.
Um dieses Erinnern auch in Zukunft zu ermöglichen und weitere Stolpersteine verlegen zu können, freut sich die Aktion Stolpersteine für Heilbad Heiligenstadt über jede kleine wie große Spende.
Diese können Sie gern auf unser Spendenkonto: Aktion Stolpersteine für Heilbad Heiligenstadt IBAN: DE56 3706 0193 5000 0050 55 bei der Pax-Bank eG einzahlen. Bitte geben Sie im Verwendungszweck Ihre vollständige Adresse an. Für Ihre Mithilfe und Unterstützung danken wir Ihnen.
Christian Stützer
Stellvertretender Vorsitzender der Heiligenstädter Union