Mi, 15:41 Uhr
07.03.2018
Lebenshilfe Leinefelde-Worbis
Worüber kaum jemand spricht...
Am vergangenen Wochenende wurde in der Leinefelder Lunaparksporthalle der nunmehr 8. Fußball-Cup der Lebenshilfe ausgetragen. Acht Mannschaften nahmen teil. Gisela Reinhardt von der Lebenshilfe hat das Turnier beobachtet und sich Gedanken darüber gemacht, worüber kaum jemand spricht - über besondere Fußballer….
Das Team der Holzlandwerkstätten mit Janette Kürnig.
Schon am frühen Morgen kurz nach 6 Uhr startete der Kleinbus des ASB Holzland Bad-Klosterlausnitz in Richtung Leinefelde, denn bis zum Anpfiff lagen noch 200 km Fahrt vor ihnen. Zum Team der Fußballmannschaft der Holzlandwerkstätten gehört seit 13 Jahren die 33jährige Janette Kürnig. Vor ihrer Karriere in dieser Mannschaft spielte sie in der Landesliga der Frauenmannschaft Hermsdorf-Eisenberg. Janette gehört einfach dazu. Man hat den Eindruck, dass die männlichen Fußballkollegen sie als junge Frau überhaupt nicht wahrnehmen.
Wenn Janette nicht Fußball spielt, arbeitet sie bei der Firma Tridelta Überspannungsableiter mit Kunststoffisolierung auf einem Außenarbeitsplatz. Seit 13 Jahren hat sie einen Freund und lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Ihr Trainer, Lothar Nerlich findet nur lobende Worte: Janette ordnet sich ein, hört auf die Jungs und ist auf Grund ihrer Leistung ein voll anerkanntes Mitglied im Team.
Seit 2004 trainiert Lothar Nerlich diese Mannschaft. Er ist 75 Jahre alt und spielt selbst noch in einer Altherrenmannschaft. Auf die Frage, ob es schwierig ist, eine Mannschaft mit Handikap zu trainieren, antwortet er lachend: Ich war 40 Jahre Lehrer, da habe ich mich ausgeruht, da haut mich jetzt nichts mehr um!
Unsere Menschen mit Behinderung sind manchmal pflegeleichter, als junge Menschen ohne Behinderung. Sie sind höflich und voller Respekt und Anerkennung mit gegenüber. Natürlich muss man sich auf Spieler mit geistiger Behinderung auch entsprechend einstellen. Oft fehlt ihnen die Reaktionsschnelligkeit, eine Situation zu erfassen.
Ebenso ist es beim passgenauen Zuspiel und beim Einhalten von taktischen Varianten. Solche Grundlagen des Fußballspiels sind bei nicht behinderten Fußballer Voraussetzung. Die Spielform von Menschen mit Behinderung wird ebenfalls häufig von der Tagesform und der Stimmung bestimmt.
Janette ist bei den Freundschaftsspielen der Lebenshilfe Leinefelde-Worbis von Anfang an dabei. Ein neues weibliches Gesicht, präsentierten in diesem Jahr die Eichsfelder Werkstätten.
Seit einem halben Jahr gehört Ute Beckmann aus Steinbach zur Mannschaft. Ute arbeitet im Bereich Fertigung in den Eichsfelder Werkstätten. Ute erzählt, dass es schön ist, Fußball zu spielen und sich richtig austoben zu können. Bei Wettkämpfen darf ich noch nicht mitspielen. Ich muss noch ein bisschen üben und die Regeln besser verstehen.
Dann erzählt sie, dass sie noch Probleme mit den Armen hat, die sind ihr irgendwie im Weg beim Spielen. Meine Mutti ist an Krebs gestorben und meine Schwester auch. Ich wohne bei meinem Papa in einem großen Haus. Wenn du sonst noch etwas wissen willst, musst du mich fragen sagt Ute, das bildhübsche Mädel in ihrem roten Spielertrikot und zieht die roten Kniestrümpfe so hoch es geht, denn sie friert.
Ihre männlichen Spielerkollegen finden es gut, jetzt eine weibliche Mitspielerin zu haben: Klosterlausnitz hat doch schon seit Jahren eine Frau. Jetzt haben wir auch eine. Norbert Jünemann, der Trainer der Fußballmannschaft der Eichsfelder Werkstätten ergänzt: Ute ist gut integriert. Es ist nur schwierig immer eine separate Umkleide- und Duschmöglichkeit für eine Frau zu haben. Das macht es komplizierter.
Das Team der Eichsfelder Werkstätten
Janette Kürnig nach diesem Problem gefragt antwortet: Ich ziehe mich sogar bei den Jungs in der Kabine mit um. Gemeinsames Duschen gehört aber nicht dazu." Die Jungs sagen stolz: Wir sind schließlich eine Mannschaft, uns macht das nichts aus, sie gehört zu uns.
Das Team der Lebenshilfe
Ben Isenhuth, Trainer der Mannschaft der Lebenshilfe Leinefelde-Worbis berichtet: Wir hatten ja auch schon einige junge Frauen dabei, aber sie waren entweder zu verbissen, wenn sie nicht immer direkt am Ball sein konnten oder heulten, wenn sie einen Ball abbekommen haben. Für Fußball muss man brennen, man braucht Begeisterung und Teamgeist.
Teamgeist ist auch das Thema von Marko Gaßmann, Trainer der Mannschaft der Nordthüringer Werkstätten in Nordhausen. Für mich gibt es eine Fußballmannschaft nur als Team. Wenn einer denkt, er ist der Star, kommt er auf die Bank, auch auf die Gefahr, dass wir Punkte und Plätze einbüßen.
Das Team steht an erster Stelle. Unsere Mannschaft ist in den Jahren in sich gewachsen. Wenn man den Nordhäusern beim Spielen zuschaut, kann man beobachten, dass der Trainer für die Fußballer heilig ist. Sie stehen voll hinter ihm, auch, wenn er am Spielfeldrand gestikuliert und schreit, dass man Angst bekommen könnte.
Jeden Moment erwartet man, dass er mit einem Herzinfarkt zusammenbricht. Im Laufe der Zeit hat man sich allerdings an die Eigenarten der Trainer gewöhnt und auch die Schiedsrichter Franz-Josef Schäfer und Edgar Müller sehen das gelassen. Sie kommen jedes Jahr wieder gern zu diesen Spielen, denn sie sind vom Mannschaftsgeist und der Freude der Sportler mit Behinderung begeistert. Auch heute gab es keine Beschimpfungen, keine Diskussionen und weder gelbe noch rote Karten. Sie wurden beide in hohem Maße respektiert und all ihre Entscheidungen wurden ohne Murren akzeptiert.
Die Spieler der Mühlhäuser Mannschaft werden von Frank Strödick trainiert. Er ist Gruppenleiter in der Werkstatt und kennt seine Mannschaftsspieler ganz genau. Es macht unheimlich Spaß, die Jungs zu trainieren, auch, wenn die Aufnahmefähigkeit häufig nicht so hoch ist, und immer wieder Erlerntes gefestigt und vertieft werden muss.
Im Zwischenmenschlichen spielt das Training von Toleranz eine große Rolle, da auch Sportler mit schwachen Leistungen, die aber Spaß am Spiel haben, zu einer Mannschaft gehören. Wir geben allen eine Chance und die Anstrengungen eines Jeden zeigen, dass es sich lohnt, mit Geduld, Kameradschaft und Können jede Woche aufs Neue das Training zu beginnen.
Dass es sich lohnt, zeigt, dass die Mannschaft zurzeit amtierender Thüringenmeister ist. In ihrer Mannschaft spielt außerdem der älteste Fußballer des Tages, Harald Arndt mit 63 Jahren.
Gisela Reinhardt
Autor: enDas Team der Holzlandwerkstätten mit Janette Kürnig.
Schon am frühen Morgen kurz nach 6 Uhr startete der Kleinbus des ASB Holzland Bad-Klosterlausnitz in Richtung Leinefelde, denn bis zum Anpfiff lagen noch 200 km Fahrt vor ihnen. Zum Team der Fußballmannschaft der Holzlandwerkstätten gehört seit 13 Jahren die 33jährige Janette Kürnig. Vor ihrer Karriere in dieser Mannschaft spielte sie in der Landesliga der Frauenmannschaft Hermsdorf-Eisenberg. Janette gehört einfach dazu. Man hat den Eindruck, dass die männlichen Fußballkollegen sie als junge Frau überhaupt nicht wahrnehmen.
Wenn Janette nicht Fußball spielt, arbeitet sie bei der Firma Tridelta Überspannungsableiter mit Kunststoffisolierung auf einem Außenarbeitsplatz. Seit 13 Jahren hat sie einen Freund und lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Ihr Trainer, Lothar Nerlich findet nur lobende Worte: Janette ordnet sich ein, hört auf die Jungs und ist auf Grund ihrer Leistung ein voll anerkanntes Mitglied im Team.
Seit 2004 trainiert Lothar Nerlich diese Mannschaft. Er ist 75 Jahre alt und spielt selbst noch in einer Altherrenmannschaft. Auf die Frage, ob es schwierig ist, eine Mannschaft mit Handikap zu trainieren, antwortet er lachend: Ich war 40 Jahre Lehrer, da habe ich mich ausgeruht, da haut mich jetzt nichts mehr um!
Unsere Menschen mit Behinderung sind manchmal pflegeleichter, als junge Menschen ohne Behinderung. Sie sind höflich und voller Respekt und Anerkennung mit gegenüber. Natürlich muss man sich auf Spieler mit geistiger Behinderung auch entsprechend einstellen. Oft fehlt ihnen die Reaktionsschnelligkeit, eine Situation zu erfassen.
Ebenso ist es beim passgenauen Zuspiel und beim Einhalten von taktischen Varianten. Solche Grundlagen des Fußballspiels sind bei nicht behinderten Fußballer Voraussetzung. Die Spielform von Menschen mit Behinderung wird ebenfalls häufig von der Tagesform und der Stimmung bestimmt.
Janette ist bei den Freundschaftsspielen der Lebenshilfe Leinefelde-Worbis von Anfang an dabei. Ein neues weibliches Gesicht, präsentierten in diesem Jahr die Eichsfelder Werkstätten.
Seit einem halben Jahr gehört Ute Beckmann aus Steinbach zur Mannschaft. Ute arbeitet im Bereich Fertigung in den Eichsfelder Werkstätten. Ute erzählt, dass es schön ist, Fußball zu spielen und sich richtig austoben zu können. Bei Wettkämpfen darf ich noch nicht mitspielen. Ich muss noch ein bisschen üben und die Regeln besser verstehen.
Dann erzählt sie, dass sie noch Probleme mit den Armen hat, die sind ihr irgendwie im Weg beim Spielen. Meine Mutti ist an Krebs gestorben und meine Schwester auch. Ich wohne bei meinem Papa in einem großen Haus. Wenn du sonst noch etwas wissen willst, musst du mich fragen sagt Ute, das bildhübsche Mädel in ihrem roten Spielertrikot und zieht die roten Kniestrümpfe so hoch es geht, denn sie friert.
Ihre männlichen Spielerkollegen finden es gut, jetzt eine weibliche Mitspielerin zu haben: Klosterlausnitz hat doch schon seit Jahren eine Frau. Jetzt haben wir auch eine. Norbert Jünemann, der Trainer der Fußballmannschaft der Eichsfelder Werkstätten ergänzt: Ute ist gut integriert. Es ist nur schwierig immer eine separate Umkleide- und Duschmöglichkeit für eine Frau zu haben. Das macht es komplizierter.
Das Team der Eichsfelder Werkstätten
Janette Kürnig nach diesem Problem gefragt antwortet: Ich ziehe mich sogar bei den Jungs in der Kabine mit um. Gemeinsames Duschen gehört aber nicht dazu." Die Jungs sagen stolz: Wir sind schließlich eine Mannschaft, uns macht das nichts aus, sie gehört zu uns.
Das Team der Lebenshilfe
Ben Isenhuth, Trainer der Mannschaft der Lebenshilfe Leinefelde-Worbis berichtet: Wir hatten ja auch schon einige junge Frauen dabei, aber sie waren entweder zu verbissen, wenn sie nicht immer direkt am Ball sein konnten oder heulten, wenn sie einen Ball abbekommen haben. Für Fußball muss man brennen, man braucht Begeisterung und Teamgeist.
Teamgeist ist auch das Thema von Marko Gaßmann, Trainer der Mannschaft der Nordthüringer Werkstätten in Nordhausen. Für mich gibt es eine Fußballmannschaft nur als Team. Wenn einer denkt, er ist der Star, kommt er auf die Bank, auch auf die Gefahr, dass wir Punkte und Plätze einbüßen.
Das Team steht an erster Stelle. Unsere Mannschaft ist in den Jahren in sich gewachsen. Wenn man den Nordhäusern beim Spielen zuschaut, kann man beobachten, dass der Trainer für die Fußballer heilig ist. Sie stehen voll hinter ihm, auch, wenn er am Spielfeldrand gestikuliert und schreit, dass man Angst bekommen könnte.
Jeden Moment erwartet man, dass er mit einem Herzinfarkt zusammenbricht. Im Laufe der Zeit hat man sich allerdings an die Eigenarten der Trainer gewöhnt und auch die Schiedsrichter Franz-Josef Schäfer und Edgar Müller sehen das gelassen. Sie kommen jedes Jahr wieder gern zu diesen Spielen, denn sie sind vom Mannschaftsgeist und der Freude der Sportler mit Behinderung begeistert. Auch heute gab es keine Beschimpfungen, keine Diskussionen und weder gelbe noch rote Karten. Sie wurden beide in hohem Maße respektiert und all ihre Entscheidungen wurden ohne Murren akzeptiert.
Die Spieler der Mühlhäuser Mannschaft werden von Frank Strödick trainiert. Er ist Gruppenleiter in der Werkstatt und kennt seine Mannschaftsspieler ganz genau. Es macht unheimlich Spaß, die Jungs zu trainieren, auch, wenn die Aufnahmefähigkeit häufig nicht so hoch ist, und immer wieder Erlerntes gefestigt und vertieft werden muss.
Im Zwischenmenschlichen spielt das Training von Toleranz eine große Rolle, da auch Sportler mit schwachen Leistungen, die aber Spaß am Spiel haben, zu einer Mannschaft gehören. Wir geben allen eine Chance und die Anstrengungen eines Jeden zeigen, dass es sich lohnt, mit Geduld, Kameradschaft und Können jede Woche aufs Neue das Training zu beginnen.
Dass es sich lohnt, zeigt, dass die Mannschaft zurzeit amtierender Thüringenmeister ist. In ihrer Mannschaft spielt außerdem der älteste Fußballer des Tages, Harald Arndt mit 63 Jahren.
Gisela Reinhardt


