eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
Mi, 10:55 Uhr
30.01.2019
Ein Plädoyer für Insekten und Vögel

Feldrandhygiene - Leben oder Sterben?

Voller Erwartung besuchte Ornithologe Wilhelm Roth vor Jahren mit Schülern der 4. Klasse als Arbeitsgemeinschaft Junge Naturfreunde einen sonst blühenden Feldrain, um die Vielfalt der Kräuter und des Insektenlebens zu vermitteln. Das Fehlen der auch Samen tragenden Krautschicht mit einigen zertrümmerten Ameisenhügeln am Feldrand durch tiefgreifende Mulchmaschinen führte zu einer Enttäuschung unseres heimatkundlichen Forscherdranges...

Eichsfeld. Ein Artikel in der Bauernzeitung umschrieb diese Zerstörung als „Feldrandhygiene“, eine phytoparasitäre Begründung zur Bekämpfung von Unkräuter mit begleitenden Krankheitsbefall der Ackerkulturen. Die Untere Naturschutzbehörde Eichsfeld verweist auf das Verloren sein vieler Feldrainbiotope, auch wenn der § 39 im Bundesnaturschutzgesetz den „Schutz von Lebensräumen“ betont. Das Landwirtschaftsamt erklärt sich zunächst nur zuständig für die Fachbereiche und nicht für den Naturschutz in diesem Randbereich.

Feldrandhygiene - Leben oder Sterben? (Foto: Wilhelm Roth) Feldrandhygiene - Leben oder Sterben? (Foto: Wilhelm Roth)

Der Landrat bezeichnet mein Protestanliegen gegen die Feldrandhygiene der Agrarbetriebe als „typisch preußischer Ordnungssinn und Gedankenlosigkeit“. Ich richtete meinen Appell mit einem Kurzvortrag an den Vorstand des Kreisbauernverbandes. So sind von den über 550 Wildbienenarten 50 bereits ausgestorben. Freilandbiologen sowie Landschaftsplaner und Institute werden zum Schutz der Feldraine nach aktueller Bewertung befragt, was trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse nur als Bedrängnis zu bewerten ist.

Anzeige symplr (1)
Was ist zu tun? Die von den zwei Eichsfelder Forstbetrieben aufgestellten 12 Insektenhotels an Wanderwegen wurden in gemeinsamen Gesprächen für die neun monatige Entwicklungszeit der IMAGES als rekonstruktionsbedürftig beurteilt. Die Solitärbienen benötigen ein Gerüst mit Rückwand und Harthölzer mit Bohrungen von Ø 2-10 mm. Fichtenklötze mit grober Faserung sind ebenso ungeeignet wie zersägte Schilfbündel mit rauen Einschlupf. Japanischer Knöterich als Invasivpflanze und trockene durchbohrte Holunderröhrchen werden besonders angenommen.

Auch wenn die meisten Wildbienenarten sich im Boden vermehren, sind solche Angebote mit der Vielfalt der Feldrainkräuter eine sichtbare Voraussetzung für den Artenschutz.

Da auf meinem Schreibtisch kein Computer steht, half mir meine Tochter den Artikel über „Lebensraumhilfe für Insekten“ per E-Mail an acht Verwaltungsgemeinschaften und zwei Städten zu versenden. Dieser Appell erreichte 85 Eichsfelddörfer durch eine Gemeindezeitung und nur zwei im Schaukasten. Er wendete sich an die Gemeinderäte, die Bauhöfe, Agrarbetriebe und naturfreundlich gesinnte Landeigentümer, um der Zerstörung von Feldrainen Einhalt zu gebieten und eine ökologisch orientierte Pflege zu erreichen.

Feldrandhygiene - Leben oder Sterben? (Foto: Wilhelm Roth) Feldrandhygiene - Leben oder Sterben? (Foto: Wilhelm Roth)

Drei Bürgermeister hinterfragen bei der Naturschutzbehörde, ob ich als Bürger berechtigt bin, solche Aufrufe für den Gemeindeanzeiger einzubringen, was sie als positive Initiative bewerteten. Konsultationen in Bauhöfen führten zu der Einsicht mit Hilfe geeigneter älterer Technik (Kreiselmäher) größere Randflächen naturbewusster zu gestalten. Bei der Eichsfelder Jagdbehörde mit den Hegegemeinschaften gewann ich aufgrund ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu den Agrarbetrieben sowie der Nichtgestaltung von Blühstreifen zur Wildbekämpfung in Großschlägen keinen Einfluss.

Aktive Jäger pflegen jedoch als Ausnahme parzellenmäßige Blühstreifen und Wildkrautflächen als wertvolle Biotope. Für die geplagte Imkerinnung sind die schmalen Feldraine durch die Übermacht gespritzter Rapsfelder von geringerer Bedeutung. Somit betrieb ich hauptsächlich „Naturschutz per Telefon“ – vorbereitet mit Argumenten, kritikbewusst und lernbereit zum Gesprächspartner, Protokoll führend und zielorientiert. Mit stets frischem Hemd und Freundlichkeit zu den Vorzimmerdamen erreichte ich die Abteilungsleiter zur günstigen Gesprächszeit.

Bei einer Vortragsveranstaltung des Landwirtschaftsamtes in Leinefelde konfrontierte ich einen Professor als Vertreter des Chemiekonzerns, welche Bedeutung er der Biodiversität einer Landschaft beimesse? Seine energische Antwort lautete: „Jede Kulturpflanze benötigt Chemie zum Schutz gegen Krankheiten. Wir haben genug geschützte Flächen!“ Meine Nachfrage als Naturschützer zum Stand des Vertragsnaturschutzes im Eichsfeld könnte mir nur nach einer hohen Entgeltforderung angesagt werden.Es gebe keine rechtliche Handhabung zum Schutz der Feldraine, da sie keine gesetzlich geschützten Biotope sind und nur in einer Eigendarstellung der Agrarbetriebe existieren, heißt es. Direktiven vom Ministerium sollten den Schutz der Feldraine vorgeben.

In einigen Tageszeitungen erschienen in diesem Zusammenhang aktuell kritische Beiträge meiner Initiative zum Schutz der Feldraine, welche das Ministerium und der Bauernverband als Konfliktanliegen vernahmen. So entstand ein umfangreicher Dialog mit dem Ministerium für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt- und Naturschutz, dem Referat 36 für Agrarökologie, dem Referat für Arten- und Biotopschutz sowie der Oberen Naturschutzbehörde.

Mit der Beauftragung der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft in Jena durch das Ministerium erfolgte der Versuch einer Praxisanalyse zur Feldrandhygiene im Verhältnis zur Biodiversität auf rechtlicher Basis der Flächeneigentümer zu erstellen.Vom Referat Agrarökologie wurde in einem voreiligen Informationsblatt trotz der Aufzählungen von Biotop-Gesetzesvorlagen demonstrativ die Notwendigkeit des Feldrainmulchens als Handlungsempfehlung vermittelt. Zitat: „…nur nicht Mulchen bei Vorhandensein des Feldhamsters…“

Als Weg der Überzeugung diente auch die Tagung der Arbeitsgruppe Artenschutz in Thüringen im Landtag zum Thema „Artenschutz in der Landwirtschaft“.Meine Konsultation bei der Stiftung Lebensraumhilfe Thüringen vermittelte entwicklungsfähige Beispiele zur Entstehung und Bewahrung einer Mosaiklandschaft als gemeinsame Initiative der Agrarbetriebe mit der Jägerschaft. Der Verein der Thüringer Ornithologen und der Naturschutzbund veröffentlichten eine Stellungnahme zum Schutz von Wildkräutern, Insekten, Vögel und Niederwild. Als kompetenter Ratgeber half auch Dr. von Knorre (Jena).
Als anerkennenswertes Ergebnis der Tagung wurde eine neue ökologisch orientierte Handlungsempfehlung als Faltblatt gedruckt und ins Netz gestellt. Für die Landwirte wurden in den Landwirtschaftsämtern Thüringens leider nur die Titelblätter aus Gründen der Druckersparnis ausgelegt.

Der Verband der Landentwicklung und Flurerneuerung bestätigt meine Erkenntnis, dass die mit Sträuchern oder Bäumen bepflanzten Ersatzflächen, die durch Eichenpfosten vor dem Wegackern geschützt sind, einer dem Feldrain stärkende ähnliche Pflege zu bewahren sind.

Der Städte- und Gemeindebundes Thüringen verwies auf seine kontroversen Erfahrungen nicht nur im Umgang mit den Feldrainbiotopen, welche mehrheitlich im Eigentum und somit in der Mitverantwortung der Gemeinden stehen. Seine Empfehlung, zum ersten Informationstag des Landrates vor den Bürgermeistern einen Kurzvortrag mit Bildern zu halten, hat mein Bewusstsein zur Überzeugung der Bürger bestärkt.

Vorortbegehungen auch mit dem Straßenbauamt zur Einbeziehung einer geringeren Flächenmahd an Böschungen von Straßengräben sowie die Einsicht von extensiven Grünflächen der Wasserwirtschaft dienten dem Erhalt der Lebensvielfalt der Offenlandbiotope.Die Verwundbarkeit nicht nur der Feldraine am Rande mit ROUNDUP gespritzten Ackerflächen von Wiesenumbruch, Brachen und Getreideauflauf war für mich schockierend, als 3 Gelege des Turmfalken mit je 4 Eier in 3 Gemeinden starben und ein Vergiftungsnachweis vom Labor erfolglos blieb.

Für einen Biogasagrarbetrieb im Eichsfeld sollten Lerchenfenster im Rübenacker der Arterhaltung dienen, wobei der gewünschte Brutraum totgespritzt, kräuterlos verschlämmt, ohne Wurm und Samen keine Heimstatt bietet und auch der Feldrain kahl geschoren ist.

Laut Studie ist der Vogelbestand in Europa in den letzten 30 Jahren um 50 % verlustig, bei den Rebhühnern im Feld sogar um 94 %! Im Sandbruch Eberhütte bei der Eichsfeldgemeinde Kella am Grünen Band der Grenze brüteten schutzbefohlen 11 Paare der seltenen Uferschwalbe fünf Jahre in ihren Röhren aus gelben feinen Sand.

Einstimmig befürworteten bei einer Ortsbegehung die Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde, des Bergbauamtes, des Tagebaubetriebes sowie der Sielmann-Stiftung die Schutzwürdigkeit des Restabbauraumes.

Auch wenn einige Feldraine wieder zum Blühen kommen, so sind viele andere noch in Lebensnot. Insekten, Vögel - sterben oder leben? Das ist die Frage. Erfreulich, wenn sich auch der Agrar- und Jagdexperte Egon Primas, Abgeordneter des Thüringer Landtages, gegen die Mahd von Wildkräutern an Gräben, Böschungen und Feldtrainen und somit gegen die übertriebene Flurhygiene ausspricht.
Wilhelm Roth, Ornithologe aus Heiligenstadt
Autor: red

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)