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Mo, 21:43 Uhr
11.11.2019
30 Jahre Grenzöffnung

Klare Worte zum Friedensgebet

Die Kirche St. Maria Magdalena in Leinefelde war am Samstagabend fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Den Menschen war es ein Bedürfnis sich wieder dort einzufinden, wo genau vor 30 Jahren eine friedliche Demo im Kerzenschein den Weg bis zum Zentralen Platz nahm...



Was die Menschen damals nicht wussten, es war die letzte Demo, die stattfinden sollte. In der Nacht öffneten sich die Grenzen. Heribert Wetter, damals Kaplan in Leinefelde, stand bei den Protesten in vorderster Reihe und war auch zum Friedensgebet gekommen. Die Leinefelder und Gäste begrüßten ihn mit einem stürmischen Beifall.

Pfarrer Gregor Arndt hatte Heribert Wetter eingeladen. Beide verbindet eine gemeinsame Studienzeit und lange Freundschaft.

Gregor Arndt sah mit großer Freude die enorme Anzahl der Menschen und sich darin bestärkt, dass für die meisten Menschen der Frieden das Wichtigste ist.

Im Friedensgebet wurde in der Stadtkirche gemeinsam gebetet, gesungen und es wurden Erinnerungen an die Zeit vor 30 Jahren wach.


Heribert Wetter, der heute bei Duderstadt mit seiner Familie lebt, gab eine kleine Reminiszenz zu 30 Jahre Mauerfall: "Zwei Nachrichten und eine bittere Erkenntnis waren in den letzten Wochen für mich besonders signifikant: Die eine Nachricht: noch nie waren in Deutschland so viele Menschen mit ihrer wirtschaftichen und persönlichen Situation so zufrieden wie heute.

Das andere: nur in Serbien und Russland sind die Sorgen über die Zukunft größer als in Deutschland.

Die Erkenntnis: noch nie haben in einer demokratischen und freien Wahl so viele Menschen, speziell im Eichsfeld, eine diktatorische, rassistische und Menschen verachtende Partei gewählt, wohl wissend, welch großer Schaden damit im politischen und zwischenmenschlichen Bereich angerichtet werden kann.

In Thüringen wird demonstriert, dass Machtgier auch eine das C im Namen führende Partei nicht davor zurück hält, einen Teufelspakt zu schließen und damit das Ende einer Volkspartei einzuläuten.

Wenn ich an 30 Jahre Befreiung von SED Diktatur, Stasi-Herrschaft, Eingesperrt sein und katastrophale Ausbeutung von Mensch und Natur denke, ist mir schon bewusst, dass wir eine Epoche sehr großer Veränderungen durchgemacht haben. Deshalb ist für mich an einem so denkwürdigen Tag wie heute das oberste Gebot, demütig und dankbar auf das Zurückliegende zu blicken.

Wir haben in diesen 30 Jahren ein Höchstmaß an persönlicher und äußerer Freiheit erreicht, ein nie dagewesener materieller Wohlstand, fast ein dreiviertel Jahrhundert Frieden und mehr Menschlichkeit auch im Staat, besserer Umweltschutz, obwohl hier noch die größten Herausforderungen der Zukunft bestehen, erlebt.

Wir haben in diesen 30 Jahren aber auch gesehen, dass die großen Veränderungen viele Menschen verunsichert haben, dass viele Werte einfach im Wohlstand untergegangen sind, dass sich Rücksichtslosigkeit und Größenwahnsinn auch unter uns und ehemaligen Wegbegleitern ausgebreitet haben.

Ein großer Werteverlust, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht, etwas selbst in die Hand zu nehmen, hat sich teilweise ungut auf unsere Gefühle und unser Denken ausgeprägt. Nach 30 Jahren spüren wir ganz deutlich, dass wir nicht stehen bleiben können, unser Wohlstand kann nicht ins Unendliche weitergehen, wir müssen bereit sein, um der Zukunft unserer Kinder willen, auch Einschnitte in unsererm Verhalten in Kauf zu nehmen.

Wir können die verbrauchten Ressourcen nicht zurückbringen, wir können aber umdenken und die verbleibenden Schätze gerecht miteinander teilen.

Der allerschlechteste Ratgeber ist die Angst: Angst treibt Menschen zu rückwärtsgewandten Ansichten und extremen Parteien. Das Gegenteil von Angst ist die Hoffnung, die angeblich zuletzt stirbt.

Was wäre aus der friedlichen Revolution der ehemaligen DDR geworden, wenn wir uns abgefunden hätten, die Hoffnung auf Veränderung und Umsturz begraben hätten? Ohne Hoffnung kein Leben, aber mit Hoffnung in eine zukunftsorientierte Zeit.

Besinnen wir uns doch wieder darauf, was wirklich früher besser war: Nachbarschaften, Hilfsbereitschaft, Zeit zum Reden haben, das Gemeinschaftsleben im Dorf oder in der Stadt oder auch in der Kirche!

Warum lassen wir uns denn heute bevormunden und uns von Menschen vorgaukeln, dass wir jetzt erst die Wende zur Vollendung führen müssen? Noch nie sind Menschen so leichtfertig den modernen Rattenfängern mit antiquierten faschistischen Parolen nachgelaufen wie leider heutzutage.

Ich wünsche uns allen den Mut, neue Wege zu gehen, den Optimismus früherer Zeiten, der trotz verdreckter Umwelt, eingezäunter Länder und rot gemalter Zukunftsplänen unsere Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und Eigenverantwortlichkeit wach gehalten hat. Ich danke allen Menschen, die damals vor 30 Jahren den Mut gefasst haben, gemeinsam aufrecht zu stehen und das unvorstellbare Zukunftsprojekt der größeren Freiheit, Menschenwürde und Lebensqualität in die Tat umzusetzen.

Dafür einzustehen und eine gesunde Auseinandersetzung mit andersdenkenden oder desorientierten Menschen ist die Herausforderung und das Erbe der friedlichen Revolution.

Diese Errungenschaften aus großem Dank heraus zu verteidigen ist Bürde und Aufgabe der verantworteten Freiheit. Es lohnt sich!"

Heribert Wetter sprach klare Worte, die viele an das Geschehen vor dem 9. November 1989 erinnerten. Als sich zunächst eine kleine Gruppe im Johanneshaus in Leinefelde traf, von Woche zu Woche anwuchs bis schließlich auch fast die Maria Magdalena Kirche nicht ausreichte.


Pfarrer Gregor Arndt hatte zum Friedensgebet auch Magdalena Brodmann, eine Schülerin, eingeladen. Sie hat sich gemeinsam mit ihren Eltern mit dem Thema Frieden ein Jahr lang im Rahmen einer Jahresarbeit in der Montessorischule intensiv befasst. Das hat sie auch den Menschen in der Kirche erklärt. Und sie hat gesagt, dass sie 23 Punkte verfasst haben, dass der Frieden im Außen beginnt mit Frieden in uns selbst. Zehn Beispiele davon las die Schülerin vor und sagte u.a.: "Suche die Wahrheit nicht Außen, also in materiellen Dingen, sondern in deinem eigenen Inneren, deinem Herzen. Wir müssen begreifen,dass nur wir allein, jeder einzelne Mensch, für Frieden, Glück und die Wahrheit verantwortlich ist."


Musikalisch wurde das Friedensgebet an der Orgel von Wolfgang Schneider begleitet und vom Singekreis Leinefelde. Lobenswert, dass eine solch gute Musikgruppe das Leben in der Pfarrgemeinde bereichert.
Ilka Kühn

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