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Sa, 14:26 Uhr
11.01.2020
Angesehen

Der Prozess im Theater Nordhausen

Thüringen ist aus historischen Gründen das Land mit der größten Theaterdichte. Nordhäuser Theatergänger konnten sich am Freitagabend davon überzeugen, dass darunter nicht die Qualität leidet. Findet Vera Lengsfeld, die sich die Rudolstädter Inszenierung angesehen hatte...

Der Prozess (Foto: Friederike Lüdde) Der Prozess (Foto: Friederike Lüdde) Foto Friederike Lüdde

Es fand die Premiere des Rudolstädter Kooperationstheaters statt, „Der Prozess“, eine Inszenierung nach dem Romanfragment von Franz Kafka, in einer Bühnenfassung von Mario Holetzeck, der auch die Regie führt.

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Der Abend beginnt ungewöhnlich. Nachdem die Türen geschlossen sind, passiert erst einmal nichts. Die Bühne strahlt ganz in Weiß, der Farbe der Unschuld. Schweigen. Leider hatten die Männer hinter mir nicht begriffen, dass die Vorstellung bereits begonnen hatte, obwohl noch nichts passierte und setzten ihre Gespräche fort.

Dann trippeln schwarz gekleidete Gestalten auf die Bühne, die zwar unterschiedlich groß sind und sich in einigen Details wie Haar- und Handschuhfarbe unterscheiden, durch ihre koordinierten, gleichförmigen Bewegungen aber zu einer homogenen Masse verschmelzen. Diese Masse führt einen routinierten Tanz auf, aus dessen Mitte plötzlich einer der Tänzer ausgestoßen wird. Der plötzlich zum Paria gewordene versucht, sich wieder einzufügen, vergeblich. Damit beginnt die Leidensgeschichte des Josef K., ausgerechnet an seinem 30. Geburtstag.

Kafka hatte seinen Roman mit diesem Satz begonnen, der während des beklemmenden Geschehens bruchstückhaft an die weißen Wände projiziert wird:
„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“. Er wird von gesichtslosen Wächtern festgenommen, ohne Haftbefehl, ja ohne jegliche Begründung. Was Josef K. anfangs für einen Scherz seiner Bankkollegen hält, entpuppt sich bald als bitterer Ernst. Das ungewöhnliche seiner Verhaftung ist, dass sie nicht mit einem physischen Kerker verbunden ist. Josef K. kann sich weiter frei bewegen, seinen Bankgeschäften nachgehen, mit seiner Vermieterin reden, seiner heimlich angebeteten Mitbewohnerin auflauern. Die Schlinge, die sich immer fester um ihn zieht, ist unsichtbar. Sie kommt aber klar in den Körperbewegungen der Personen zum Ausdruck, mit denen Josef K. versucht, zu kommunizieren.

Dieser Regieeinfall ist ebenso bemerkenswert, wie wirkungsvoll. Der Zuschauer wird nur durch die Bewegungen gefesselt und auf die Bühne gezogen. Ich habe selten Theater von dieser Intensität erlebt. Daran hat jeder einzelne Darsteller seinen Anteil.

Kafka, der vom Prozess erst den Anfang, dann das Ende, die Hinrichtung, schrieb und beim Ausfüllen des Zwischenteils ins Stocken geriet, fordert zu unterschiedlichen Deutungen geradezu heraus. Für mich ist er nicht nur der Begründer der literarischen Moderne, sondern der Schriftsteller, der am deutlichsten die totalitären Gefahren der sich entwickelnden Massengesellschaft erkannt hat. Er legt zugleich den Finger auf die Wunde. Im Roman geschieht nichts, ohne letztendliche Einwilligung von Josef K., der zwar anfangs gegen das Unrecht, das ihm angetan wird, rebelliert und versucht zu verstehen, warum das mit ihm geschieht. Das gelingt ihm aber nicht. er sieht das Gericht, das ihn verurteilt nie. Am Ende ist er erschöpft mit seiner Hinrichtung einverstanden. Das erinnert beklemmend an die Stalin-Opfer, die vor dem Erschießungskommando noch ihren Führer hochleben ließen. Arthur Koestler hat das in „Sonnenfinsternis“ eindrücklich beschrieben.

Holetzeck liefert seine eigene Deutung. Er bezieht Kafka in die heutige Überwachungsgesellschaft mit ihren sozialen Netzwerken mit ihrem Verleumdungs-Potential ein. Sein Josef K. wehrt sich immer wieder, entschiedener als sein Romanvorbild. Der tödliche Stoß wird ihm vom Maler Titorelli (ein genialer Auftritt von Manuela Stüßer auf Stelzen) versetzt, der ihm klar macht, dass er dem Gericht nie entkommen wird, auch wenn es ihm gelänge, die endgültige Verurteilung hinauszuziehen. Dennoch versucht er noch in seiner Todesstunde in der Auseinandersetzung mit dem Gefängniskaplan, der auch der Henker ist, Widerstand zu leisten. Vergeblich. Die Blöcke zermalmen ihn.

Den Namen Oliver Baesler, der den Josef K. auf der Bühne zu einem Menschen machte, sollte man sich merken. Mit seinem Spiel hat der junge Mann nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht.

Wer mitten in der Provinz wirklich gutes Theater sehen will, sollte die Aufführung nicht verpassen.
Vera Lengsfeld

Die Rezension erschien zuerst im Blog von Vera Lengsfeld. Die Autorin bat um eine Veröffentlichung in den Nordthüringer Online-Zeitungen.

Die nächsten Vorstellungen in Nordhausen: 18.01., 31.01., 16.02., jeweils 19.30 Uhr
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Kommentare

13.01.2020, 21.58 Uhr
brazil | Sehr gute Rezension und sehr gute Aufführung
Uns hat es ganz großartig gefallen - genauso wie diese Rezension. Das Stück wird noch ein paar Mal aufgeführt und es lohnt sich wirklich.

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