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Fr, 08:13 Uhr
14.02.2020
Zum Valentinstag

Eine Geschichte, die zu Herzen geht

Im Leben gibt es manchmal Geschichten, die sind so kurios, die könnte man sich selber nicht ausdenken. Von solch einer Geschichte, die sich in den letzten Wochen zugetragen hat, möchte Gisela Reinhardt heute erzählen....

Als vor zwei Jahren Opa Willi aus Weißenborn gestorben ist, fand Franziska, seine Enkeltochter, beim Ausräumen seiner Wohnung eine verschlossene schöne alte Schatulle mit Briefen. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um Liebesbriefe handelte.


Liebesbriefe, geschrieben an Opa Willis ältesten Bruder Kalli, der als Gefreiter an der Ostfront stationiert war, von seiner Freundin Minchen. Franziska hatte die ersten Zeilen überflogen, da packte sie die Neugier. Sie dachte: „Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Mann mir solche Liebesbriefe geschrieben hat“, aber diese Briefe, faszinierten sie.

Sätze wie. „Du, mein heiß geliebtes Schätzchen, wie sehr vermisse ich dich doch. Dir noch einmal gegenüber zu stehen, einmal noch in deiner Nähe zu sein, glaub mir, ich gäbe alles her, wenn dieser Wunsch in Wirklichkeit überginge. Kalli, ewig bei dir zu sein, dieses unendliche Glück, ich könnt es wahrhaftig nicht fassen, aber ich möchte für dich mein Liebling alles tun.

Ja, ich liebe dich ohnegleichen. Mein ganzes Sein gehört ja dir. Ich sehne nur den Augenblick herbei, wo selbst du mir wieder dein glückliches Lächeln zeigst, wo du mir wieder den ersten Kuss auf die Lippen gedrückt hast…. Dein Bild, es steht vor mir, ich möchte es an mich drücken. Ach könntest du ahnen die Sehnsucht nach dir, darum ich möchte weinen, ich möchte verzagen….Die Worte aus deinem letzten Brief, sie sind wie mit einem Meißel in Marmor eingehauen in mir. …In allem sehe ich dich, meinen Liebling, in allem höre ich deine zärtlichen Worte. Der Gedanke du scheidet nimmer von mir. Mir ist klar, dass ich niemals mehr einen anderen Menschen lieben kann, als dich.

Du weißt es, Kalli, ich bleib bei dir auf ewig. Niemals mehr dürfen sich unsere Wege teilen. Mein Herz ist ein Schiff ohne Anker, denn es findet weder Rast noch Ruh, mein Herz ist ein Schiff ohne Anker, Schuld daran bist nur du.

Mein Herz ist ein Schiff ohne Anker, ich sehne mich so sehr, mein Herz ist ein Schiff ohne Anker und es muss wohl versinken im Meer. Nun, in der Hoffnung, dass du recht bald und gesund wieder zurückkehrst, Grüße ich dich und küsse ich dich auf deinen lieben Mund ganz lange heiß und süß. Deine dir auf ewig treu bleibende Minchen.“

Sie war zu Tränen gerührt. Was für eine große Liebe! Welche Sehnsucht und welches Bangen verbirgt sich hinter diesen zärtlichen Worten. Wieviel Hoffnung und Leidenschaft spiegeln diese Zeilen wider. Liebesbriefe, gebunden in einem Bündel, zusammen mit den letzten Habseligkeiten, die den Eltern ihres in Russland gefallenen Sohnes Karl von der Front übersandt wurden.

Was mag das für eine Freundin gewesen sein? Minchens Absende Adresse war Bischofferode. Franziska packte Neugier und Forscherdrang. Wer mag sie wohl gewesen sein, dieses Minchen? Sie befragte ältere Menschen aus Bischofferode. Niemand konnte sich an Minchen erinnern.

Einen Tipp bekam sie von Frau Rita, die jetzt im Altersheim in Breitenworbis lebt. Sie sagte, sie denkt, dass Minchen nicht aus Bischofferode kommt und dass sie ihre Recherche nach Jützenbach verlagern sollte. Welche alten Leute aus Jützenbach kannte sie, die sie fragen konnte?

Es war an einem Donnerstag im Oktober, als sie Tante Maria aus Weißenborn im Laden antraf. Tante Maria ist über 80 und stammte aus Jützenbach und so fragte Franziska sie nach Minchen. Tante Maria hielt inne, schaute sie ungläubig an und sagte: „das ist meine Firmpatin. Sie lebt in Gummersbach und Sonntag werde ich sie besuchen“. Franziska spürte einen innerer Aufschrei „Minchen lebt noch!“

Schnell holte sie die Briefe und gaben sie Tante Maria mit, damit sie sie ihr bei ihrem Besuch zeigen konnte. Tante Maria kam ganz aufgewühlt nach Hause. Diese Briefe hatten auch sie und ihre Erinnerungen in die 40ger Jahre katapultiert. Sie war so aufgeregt, dass sie ihre Tochter überredete, nicht bis zum Sonntag zu warten, sondern gleich am nächsten Morgen, Freitag, mit ihr und den Briefen nach Gummersbach zu fahren.


Die Freude und Aufregung bei Minchen und ihrer Tochter über das besondere Mitbringsel waren groß. So saßen der Firmling und ihre Patin Minchen am Freitagnachmittag beim Kaffee auf dem Sofa und Tante Maria las Brief für Brief vor. Minchen lauschte aufmerksam den Worten ihrer längst verblassten lieben Zeilen.

Sie hatte die Augen geschlossen und sog die Erinnerungen und die Gefühle von damals in sich auf. Ihre Tochter bemerkte, dass sie sich nicht erinnern kann, wann sie die Mutter zum letzten Mal so glücklich gesehen hat. Ein Leuchten und Strahlen lag auf Minchens Gesicht, als die beiden Weißenbörner Frauen, Tante Maria und ihre Tochter sich am Abend verabschiedeten.

Ihre Herzen waren so voll von den Eindrücken des Tages, dass sie bis nach Hause über diese erhebenden Stunden mit der 93jährigen Patentante plauderten. Am nächsten Morgen überraschte sie ein Anruf aus Gummersbach beim Frühstück.

Minchen war in den frühen Morgenstunden in den Armen ihrer Tochter mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht für immer eingeschlafen. Diese Erinnerung an ihren Kalli, ihre große Liebe, war für ihr altes Herz Zuviel gewesen.

Unwillkürlich fallen mir dabei die Liedzeilen des bekannten Wiegenliedes ein: „Schlaf nun selig und süß, schau im Traum 's Paradies“. So zu sterben, in Gedanken verbunden mit ihrer ersten großen Liebe, da möchte man sich vorstellen, wie Kalli ihr entgegengekommen ist und sie an seiner Hand ins Paradies geleitet hat.
Gisela Reinhardt
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