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Sa, 10:27 Uhr
25.04.2020
Gedanken von Schulpfarrer Markus Könen

Corona-Krise als prophetisches Bild einer neuen Kirche

Kaum vorzustellen, was all die Männer am 21. Mai 2020 machen werden. Was identitätsstiftend für das Eichsfeld und darüber hinaus über Jahrzehnte hinweg gepflegt wurde, darf in diesem Jahr nicht stattfinden. Es wird ungewohnt ruhig sein, nicht nur rund um das Klüschen Hagis, auch ein paar Tage später auf dem Kerbschen Berg......

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Keine Pilgerscharen von Frauen und Männern, keine geselligen Picknick-Runden in Feld und Wald, keine Bollerwagen und Pferdekutschen mit zum Teil laut singenden Insassen. Einfach Ruhe! Und dann noch all die verschiedenen ortsüblichen Frömmigkeitsbekundungen, die unterschiedlichsten Gebetsformen, die kleineren Wallfahrten und Prozessionen sind in diesem Jahr nicht möglich.

Wenn das christliche Kirchenjahr bis heute das Leben vieler Menschen geordnet und geprägt hat, so fehlt dieses Gerüst jetzt gerade. Und wenn hier bei uns im Eichsfeld ein gewisser Kulturkatholizismus (ohne die evangelischen Schwestern und Brüder außen vor zu lassen) als Richtschnur gesellschaftlichen Lebens gilt, so hat ein kleines Virus doch einiges, nein, nicht in Bewegung gebracht, eher zum Stillstand gezwungen.

Und die Frage ist, wenn unsere bisherige Vorstellung darin bestand, dass unser Christ-sein von einer äußeren Struktur des Kirchenjahres geleitet ist, wie sieht es dann ohne diese äußere Ordnung aus? Und was heißt dann eigentlich Christ-sein? Denn, wenn selbst ohne Covid19-Pandemie, sofern wir ehrlich sind, unsere Kirchen immer leerer werden und die Beteiligung am kirchlichen Leben in den Gemeinden eher rückläufig ist, dann mag dieser Krise etwas Prophetisches anmuten.

Es ist mir zu einfach in diesen Tagen zu sagen, dass diese Notlage die Menschen eher wieder in die Gemeinschaft der Kirche bringt, weil sie sich danach sehnen. Zum einen, weil ich in keiner Weise von einer Not sprechen möchte, die wir hier hätten. Es gibt die persönlichen Schicksale und Beschwernisse, die niemanden von uns gleichgültig sind.

Aber im Grunde genommen muss niemand von uns wirklich unter einem Mangel leiden. Da empfehle ich den Blick über den europäischen Tellerrand, zum Beispiel in Länder wie Uganda, wo Menschen nicht vor Corona, sondern vor Hunger umkommen, weil sie unter Hausarrest stehen. Oder es lohnt sich ein Blick in Länder wie Nordkorea oder Afghanistan, in denen an christliche Gottesdienste, geschweige denn Kirchengebäude gar nicht mal zu denken ist, da man um sein eigenes Leben fürchten muss, wenn man sich zu Jesus Christus bekennt.

Dank zahlreicher Angebote, ob nun digital oder analog, sind wir keineswegs in Not. Zum anderen denke ich, dass es gerade jetzt darauf ankommt zu erörtern, was mein Christsein wirklich bedeutet.

Denn wenn es vor der Krise sich nur durch ein äußeres Gerüst definiert hat, wird es merklich schwer sein, nun eigenverantwortlich diesen Glauben zu leben. Darin sehe ich übrigens auch m.E. die Ursache für eine übertriebene, meist hoch emotionale Diskussion über eine Exit-Strategie aus dem gottesdienstlichen Versammlungsverbot.

Dabei halte ich getroffene Regelungen für bis zu 30 Teilnehmende in einem Gottesdienst für höchst problematisch, weil u.a. Verärgerungen vorprogrammiert sind. Aber auch theologisch darf hinterfragt werden, ob für einen Gottesdienst selektiert werden darf? Darf ich jemand an der Kirchentür ernsthaft abweisen? Wird der Gottesdienst hier nicht verzweckt, nur um bestimmte Prinzipien zu erfüllen?

Wir tun uns keinen Gefallen mit den jetzt vorliegenden Lockerungsmaßnahmen und dem damit verbundenen Schutzkonzept. Nein, wir haben keine Not, vielleicht zu wenig innere Überzeugungskraft.

Scheinbar können wir es wirtschaftlich, kirchlich oder gar gesamtgesellschaftlich nicht aushalten, wenn es mal zum Stillstand kommt. Die Bereitschaft, sich in einem gewissen „Karsamstagszustand“ zu gedulden, ist kaum vorhanden. Immer muss alles pulsieren, wachsen, in Bewegung sein (global und regional). Alles andere werten wir als Rückschritt.

Ich sehe das ganz und gar nicht, und es macht mich optimistisch, was den christlichen Glauben und unser kirchliches Leben im Eichsfeld und darüber hinaus angeht. Ein „Christ-sein“ findet nicht mehr statt, eher ein dynamisches „Christ-werden“. Es wächst ein überzeugter Glaube, der gerade durch die Verwundbarkeit unseres Menschseins eine echte und tiefe Gottesbeziehung möglich macht. Es wächst eine ehrliche Demut, die durch die Erfahrungen eigener, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Grenzen zu einer aufrechten Dankbarkeit führt. Dieser Glaube und diese Demut entfalten sich in der Solidarität und Herzensnähe unter uns Menschen.

„Durch seine Wunden hat Christus uns geheilt!“ (1 Petr 2,24) lesen wir Im Ersten Petrusbrief. Diese Coronakrise ist insofern eine Chance, unsere Verwundungen, Verletzungen und Behinderungen ehrlich anzuerkennen und zuzulassen und trotzdem der Sehnsucht zu vertrauen.

Denn wer sich als ganz heil und unverletzlich empfindet, der genügt sich selbst. Nur der, der um seine Verletzungen und Wunden weiß, ist empfänglich für jedes Zeichen der Nähe und Zuneigung dankbar. Wenn nun also kirchliches Leben zurzeit nicht in traditioneller Weise gelebt und gefeiert werden kann, wenn das äußere Gerüst derzeit nicht begehbar ist, besteht dennoch die ungemein wichtige Möglichkeit Christus im leidenden Menschen zu begegnen, ihm in geschwisterlicher Liebe und Zuneigung zur Seite zu stehen und damit auch in gewisser Weise den Leib Christi zu empfangen.

Denn: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwester getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25, 40). Deswegen plädiere ich auch sehr dafür, dass es von staatlicher Seite ermöglicht werden muss, dass vor allem sterbende Menschen von ihren familiären Angehörigen begleitet werden dürfen. Im Grunde genommen ein Werk der Barmherzigkeit.

Das vertrauensvolle Aushalten des Karsamstagszustandes kann zu einem neuen Bild von Kirche auch im Eichsfeld werden, in der jede äußere Struktur zwar hilfreich, aber nicht (heils)notwendig ist. Sondern alle Solidarität, alle Zuneigung und Dankbarkeit aus einer spirituellen Grundhaltung heraus geschehen, die uns auch ohne äußeres Gerüst als herausgerufenes Volk Gottes miteinander verbindet. Und darin liegt eine große (missionarische) Chance, nicht nur fürs Eichsfeld.
Pfr. Markus Könen
Autor: ik

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