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Di, 08:33 Uhr
16.02.2021
38. Südharz-Hunderter wird zum doppelten Extrem-Event

Wandern nach Halle bei bis zu 22 Grad

Ist das Wandern von 100 Kilometern bei 30 Zentimetern Schnee und bis zu 22 Grad Genusswandern? Bodo Schwarzberg, der am vergangenen Wochende zusammen mit dem Sangerhäuser Lutz Hollerbuhl von Görsbach nach Halle lief, schreibt seine Antwort zwischen den folgenden Zeilen...

Lutz Hollerbuhl nach rund 60 Kilometern und eisigen Temperaturen im Wald vor Hergisdorf (Foto: B.Schwarzberg) Lutz Hollerbuhl nach rund 60 Kilometern und eisigen Temperaturen im Wald vor Hergisdorf (Foto: B.Schwarzberg)


„Die Wanderung findet bei jedem Wetter statt.“ So schreibe ich es in jede der Ausschreibungen für meine Touren. Doch beinahe hätte es trotz des auch diesmal nicht entscheidenden Wetters nicht geklappt mit der planmäßigen Durchfühung: Denn immerhin war der 38. Südharz-Hunderter für den 13. und 14. Februar angesetzt, also wieder, wie schon die 37. Ausgabe Anfang Dezember, mitten im coronabedingten Lockdown. Glücklicherweise jedoch machten die teils kurzfristig gefallenen zeitlichen und geografischen (teils nie vorhandenen) Coronaregeln in den durchwanderten Landkreisen unsere Nonstopwandeung möglich.
Doch auch ohne Schnee und Kälte waren diese Lockdown-Hunderter nicht normal: Denn die Zweipersonen-/Zweihaushalteregel konterkariert das organisierte Wandern, das ohne Wandergruppen eigentlich schwer denkbar ist.

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Geradeso geschlüpft durch das Wirrwarr der Coronaregeln, stießen wir zwei Starter am vergangenen Wochenende endlich mal wieder auf Winterwetter vom Feinsten. Endlich war es mal nicht, wie seit Jahren gewohnt überdurchschnittlich warm, schneelos, mild und matschig. Erinnerungen wurden wach: Beim 10. Südharz-Hunderter Anfang Dezember 2010 lag fast genauso viel der weißen Pracht: Rund 30 Zentimeter Schnee, Temperaturen im zweistelligen Minusbereich, das ließ ließ durchaus Nostalgie, aber nicht nur reine Wanderfreude aufkommen.
Vorsorglich starteten Lutz Hollerbuhl aus Sangerhausen und ich diesmal in Görsbach und nicht wie üblich von Nordhausen nach Halle. Der normalerweise zu überquerende Alte Stolberg hätte uns angesichts der Schneemassen wahrscheinlich mehrere Stunden zusätzlicher Stapfzeit eingebracht.

Dem Stapfen aber sollten wir auch so nicht entkommen. Schon nach rund vier Kilometern forderte uns der „Tiefschnee“ zwischen Auleben und Kelbra und die Frage, wie lange wir, wenn es so langsam weiterginge, bis Halle brauchen würden, beschäftigte uns. Da wir aber zwischen Kelbra und Uftrungen ausschließlich Landstraßen nutzten, um voranzukommen, stand dieses Problem zunächst nicht mehr. Immerfort pendelten wir von rechts nach links und wieder zurück über die Straße denn ein anderes Ausweichen bei herannahenden Autos blieb uns wegen der mit Schnee zugeschütteten Bankette verwehrt. Trafen sich auf unserer Höhe tatsächlich einmal zwei Fahrzeuge, blieb uns nur ein beherzter Schritt in den Schneepflugschnee.

An der Busshaltestelle in Großleinungen zeigte das am Rucksack befestigte Thermometer - 22 Grad. (Foto: B.Schwarzberg) An der Busshaltestelle in Großleinungen zeigte das am Rucksack befestigte Thermometer - 22 Grad. (Foto: B.Schwarzberg)


Die Füße wurden schon in Uftrungen kalt, obwohl mein am Rucksack baumelndes Haushaltsthermometer erst 11 Grad anzeigte und sich eine Polizeistreife zwischen Breitungen und Agnesdorf, also nach noch nicht einmal 30 Kilometern, besorgt über uns und die kommende Nacht äußerte.

Ein drittes Paar Socken, Thermosocken, wurde übergezogen und Stulpen isolierten unsere Unterschenkel und Schuhe zusätzlich, - und die Füße wurden, trotz sinkender Temperatur, wieder warm.
Die Kälte sorgte für die fast absolute Altenativlosigkeit permanenter Bewegung, oder einfacher ausgedrückt: Stehenbleiben und Pausieren war auf dieser Tour die schlechteste aller Ideen. Der warme Tee aus unseren Thermosflaschen musste also schnell heruntergestürzt werden, weil die Kälte sehr schnell unter Hose und Jacke zu kriechen begann.

In Großleinungen, also nach rund 38 Kilometerm, zeigte das Thermometer am Rucksack 22 Grad, und es war noch nicht Mitternacht. Wir ahnten Schlimmes, beruhigten uns aber damit, dass es wenige Kilometer weiter, in Morungen, nur noch -13 Grad kühl war. Immer wieder tauchten wir beim Wandern aber in regelrechte Eisluftlöcher ein, die sich in Senken, mitunter mitten in den Ortschaften, gebildet hatten, und sich von den Temperaturen an nur wenige Meter höher gelegenen Stellen deutlich unterscheiden konnten. Während uns Wanderer bei den normalen Südharz-Hundertern nicht nur der Spaß am Wandern, sondern auch die Vorfreude auf einen tollen Imbiss in einer gemütlichen Gaststätte vorantreibt, so war beim zweiten Corona-Hunderter in Folge diese Vorfreude zwangsläufig eher spärlich ausgeprägt. - Zu den Extremen Kälte und Schnee kam die weithin fehlende Gastronomie erschwerend hinzu.

Kleine gereichte Imbisse nach 30 bzw. 65 Kilometern konnten die bis zu fünf Einkehren bei einem normalen Hunderter trotz ihrer großen Bedeutung für uns nur bedingt ersetzen. Aber es ging auch so.
Somit freuten wir uns schon über ein Stück vom Schnee beräumten Waldweg, über rücksichtsvolle Autofahrer und über unsere warmen Hände und Füße. Auch das kann Glücksgefühl sein.
Zu den größten Herausforderungen des 38. Südharz-Hunderters gehörte ein ca. 4 Kilometer messender Acker westlich von Hergisdorf bei Eisleben. Erwartungsgemäß war der über ihn führende Weg seit den zurückliegenden Schneefällen noch nicht begangen worden. Nur eine einsame Skispur schlängelte sich über ihn hin. Es half nichts: Früh um 5 war erneut kräftezehrendes Stapfen angesagt.

Einige hoffnungslos zugeschneite oder aber zugeschobene Autos an den Straßenrändern, und im Hintergrund in der eisigen Morgensonne rotglühend die Kirchtürme, so empfing uns später die Lutherstadt Eisleben, wo wir zu unserem Glück eine geöffnete Bäckerei vorfanden und uns etwas stärken konnten. Auch die Fortbewegung, ohne die Beine bis in Hüfthöhe anheben zu müssen, war wohltuend.

Rund zehn Kilometer weiter passierten wir den Süßen See, erstmals seit sieben Jahren wieder komplett zugefroren. Jemand hatte einen Tresen aus purem Schnee aufbebaut und servierte Punsch, Batwurst und, tatsächlich, - Eis. Weithin sichtbar, spazierten Menschen über den See, liefen Schlittschuh oder zogen ihre Kinder auf Schlitten.

Hier gönnten wir uns eine kurze Pause und beobachteten das seltene, tiefwinterliche Treiben.
Um weiteren möglichen Stapfereien möglichst zu entgehen, nutzten wir in Richtung Halle weiter die alte Fernverkehsstaße 80 von Seeburg über Rollsdorf bis hinter Langenbogen. Erst dort bogen wir auf einen geräumten Feldweg nach Köllme ab, dem letzten Ort vor unserem Ziel Halle-Nietleben.

Die verbleibenden rund sieben Kilometer teilten wir uns mit zahlreichen Skifahrern, die das um die Saalestadt Halle selten gewordene Naturereignis Schnee in vollen Zügen genossen. Noch einmal stapfend, ohne Bretter an den Füßen waren wir hier Exoten, erreichten wir den Halleschen Stadtwald Dölauer Heide und wenig später den S-Bahnhof Nietleben, derzeit baustellenbedingt jedoch ohne S-Bahn.

Alternativ ging es per Straßenbahn zum Hauptbahnhof und von dort zurück nach Sangerhausen bzw. Nordhausen. Abellio fährt wieder zwischen der Saalestadt und der Zorgestadt. Dass die Unicherheit eines funktionierenden Zugverkehrs unsere sportlich mit Sicherheit durchführbare „Wanderung“ nach Halle hätte verhindern können, gehört zur Ironie dieses Winters.
Bodo Schwarzberg

Auf dem 38. Hundertkilometermarsch (Foto: B.Schwarzberg)
Auf dem 38. Hundertkilometermarsch (Foto: B.Schwarzberg)
Auf dem 38. Hundertkilometermarsch (Foto: B.Schwarzberg)
Auf dem 38. Hundertkilometermarsch (Foto: B.Schwarzberg)
Auf dem 38. Hundertkilometermarsch (Foto: B.Schwarzberg)
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