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Sa, 19:58 Uhr
06.10.2018
Handwerker aus dem Ruhrgebiet erleben Europa

Gebürtiger Eichsfelder floh 1966 über die Grenze...

Ein gebürtiger Eichsfelder floh 1966 über die Grenze und wurde am diesjährigen „Tag der Deutschen Einheit“ im Europäischen Parlament empfangen. Wie es dazu kam und was er heute macht, lesen Sie hier....

Zu Besuch (Foto: Christian Herker)
(v.l.n.r.): Daniel Caspary MdEP, Prof. Dr. Angelika Niebler MdEP, Alojz Peterle MdEP, Manfred Weber MdEP, Hans Joseph Dördelmann, Georg Heinrich Deilmann, Edgar Pferner, Lutz Hannuschka, Dennis Radtke MdEP.

Der 3. Oktober 2018 war in Straßburg ein ganz normaler Arbeitstag. Dort kam in dieser Woche das Europäische Parlament zu Plenarsitzungen zusammen. Für ganze drei Tage machte sich eine Gruppe von Handwerkern aus dem Ruhrgebiet auf den Weg in die Europastadt Straßburg (Frankreich). Im Gepäck hatten Sie ein geschichtsträchtiges Kreuz, welches die verschiedenen Gewerke aus Grenzzaun der ehemaligen innerdeutschen Grenze hergestellt hatten.

Die Deutsche Einheit ist ihm eine Herzensangelegenheit. Edgar Pferner, Obermeister der Friseur-Innung Bochum, stammt aus dem thüringischen Teil des Eichsfelds, das früher nur wenige Kilometer von der Zonengrenze entfernt in der DDR lag.

1966 floh er aus der DDR nach Westdeutschland. Mit seinem Vater machte er sich bei Nacht und Nebel auf den Weg nach Westdeutschland. Weil Schnee lag, waren die beiden mit Skiern unterwegs. Zur Tarnung waren sie eingehüllt in weiße Laken. Mutter und Bruder sollten ein Jahr später nachkommen. Doch es kam alles ganz anders. Zwar glückte die Flucht, doch bald nach der Ankunft starb der Vater.

Fast 20 Jahre nach der Flucht besuchte Edgar Pferner zum ersten Mal seine Heimat, sah jetzt erst seine Familie wieder. Das Dorf Reinholterode, aus dem Pferner stammte, war noch Sperrgebiet. Nach der Wende belebte Pferner den Kontakt zu seinen Schulfreunden, die einst auch seine Fußballkumpels waren, neu.

Zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit initiierte der Friseur-Obermeister 2015 eine Benefizveranstaltung und eine Handwerker-Wallfahrt in Bochum mit Teilnehmern aus Ost- und Westdeutschland. Unterstützung fand er dabei bei der Kreishandwerkerschaft Ruhr. Im Zuge dieser Veranstaltung schufen die verschiedenen Gewerke große Kreuze aus Grenzzaun der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Bisher wurden die Kreuze übergeben an Papst Franziskus während einer Audienz in Rom, das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig, die Heimkehrer-Dankes-Kirche Bochum-Weitmar sowie zwei Kindergärten in Ost- und Westdeutschland.

Nun hatte der Friseur-Obermeister den hartnäckigen Wunsch auch eines dieser geschaffenen Kreuze im Europäischen Parlament zu platzieren. „Die Deutsche Wiedervereinigung wäre ohne die europäische Einigung niemals möglich gewesen“, so Edgar Pferner.

Gehör verschaffte er sich bei dem heimischen CDU-Europaabgeordneten für das Ruhrgebiet, Dennis Radtke MdEP. Dieser nahm sein Anliegen aktiv auf und vermittelte die Begegnung einer kleinen Delegation von Handwerkern aus dem Ruhrgebiet im Europäischen Parlament in Straßburg.

Begleitet wurde der Friseur Pferner (Witten) von einer kleinen Delegation der Kreishandwerkerschaft Ruhr, bestehend aus Georg Heinrich Deilmann (Bäcker-Innung, Hagen), Hans Joseph Dördelmann (Schmiede-Handwerk, Bochum) und Lutz Hannuschka (Friseur-Innung, Schwelm).

Am „Tag der Deutschen Einheit“ 2018 nahmen die Handwerker aus dem Ruhrgebiet an einem Empfang der gesamten CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament in Straßburg teil. Dort wurden sie von den 34 Abgeordneten unter der Leitung von Daniel Caspary (CDU, Vorsitzender) und Prof. Dr. Angelika (CSU, Co-Vorsitzende) begrüßt.

Auch der Vorsitzende der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber (CSU), nahm an dem Empfang teil. Eine kurze Grußadresse sprach Alojz Peterle MdEP, ehemaliger Ministerpräsident von Slowenien nach den ersten demokratischen Parlamentswahlen 1990-1992.

Anschließend spielte dieser die Europahymne auf seiner Mundharmonika. Die Handwerker aus dem Ruhrgebiet waren in ihren traditionellen Handwerker-Trachten nach Straßburg gekommen. Auch die Bergmannstracht war vertreten aus Verbundenheit der Handwerker zu Ihrer Heimatregion, dem Ruhrgebiet.

Eindrucksvolle Worte fand auch Edgar Pferner, der den Abgeordneten aus seinem persönlichen Leben berichtete und auf die geschichtsträchtige Bedeutung des Kreuzes aus Grenzzaun einging. Pferner trug neben der Obermeister-Kette auch die Tracht seiner Heimatregion, dem Eichsfeld.

Daniel Caspary, Prof. Dr. Angelika Niebler und Manfred Weber nahmen das Geschenk stellvertretend für die gesamte Gruppe entgegen und versprachen, dass dieses einen würdigen Platz in einem der Fraktionsräume im Parlament finden wird. Zum Abschluss des offiziellen Teil des Empfanges sangen alle Teilnehmer des Empfangs gemeinsam die deutsche Nationalhymne.

Drei Tage verbrachten die Handwerker aus dem Ruhrgebiet insgesamt in Straßburg. Das Europa-Büro Ruhrgebiet des heimischen Abgeordneten Radtke begleitete die Reise und organisierte auch noch ein kleines kulturelles Rahmenprogramm. Auf der Hinreise besuchten die Handwerker so u.a. das Grab von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl (CDU) im Adenauerpark in Speyer. Weiterhin standen auf dem Programm ein Besuch des Straßburger Münsters, eine Führung durchs Europäische Parlament sowie ein gemeinsames Abendessen mit dem örtlichen Abgeordneten Dennis Radtke MdEP.

Für die Handwerker aus dem Revier war es eine unvergessliche Reise in die Europastadt. Voller Dankbarbarkeit begeht Edgar Pferner alljährlich den „Tag der Deutschen Einheit“: „Weil ich damals bei der Flucht so großes Glück hatte. Ich hätte genauso gut auf eine Mine treten können.“ Der deutsche Nationalfeiertag im Jahr 2018 wird ihm und seinen Mitstreitern aber sicherlich zeitlebens in unvergesslicher Erinnerung bleiben.

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