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Mo, 10:55 Uhr
03.12.2018
Offener Brief des NABU Osterode

Ortsgruppe fordert zum Handeln auf

Der Landkreis Göttingen kann seit der Fusion mit dem Landkreis Osterode ein europaweit einmaliges landschaftliches Kronjuwel ausweisen: die Gipskarstlandschaft. Deren immense Bedeutung ist wissenschaftlich belegt und unter der Ziffer 18 als einer der deutschen Hotspots der Biodiversität geführt. Aus aktuellem Anlass hat der NABU Osterode jetzt einen offenen Brief an den Landkreis Göttingen geschrieben...

„Der Hotspot „Südharzer Zechsteingürtel, Kyffhäuser und Hainleite“ erstreckt sich über die drei Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Das Teilgebiet „Südharzer Zechsteingürtel“ stellt das größte und bedeutendste Gipskarstgebiet Mitteleuropas dar. Im Gegensatz zu anderen Karstgebieten ist es von Vegetation bedeckt und wird deshalb als „grüner Karst“ bezeichnet, wobei naturnahe Wälder circa 30 Protest der Fläche einnehmen. Bemerkenswert sind Orchideen-Buchenwälder sowie Gipsfelsen mit Kalk-Pionierrasen, Gips-Schutthalden mit Glazialrelikten sowie artenreiche Halbtrocken- und Trockenrasen, die Orchideen und Steppenpflanzen aufweisen.“ (Bundesamt für Naturschutz, BfN)

Diesen Rang honorieren Planungsgemeinschaften, zuständige Behörden und Politik nicht ansatzweise – im Gegenteil. Sie machen sich durch die freigiebige Vergabe immer neuer Flächen an die Rohstoffindustrie und deren Unterstützung der unwiederbringlichen Zerstörung mitschuldig und besiegeln damit das Schicksal der im Perm vor 270-300 Millionen Jahren entstandenen und bis zum Ende der letzten Eiszeit geformten, einmaligen Landschaft über Generationen hinaus – was nicht nur durch das Abdrängen und die Vernichtung der ortsansässigen Arten ökologische Probleme mit sich bringt, sondern auch moralisch ein äußerst fragwürdiges Vorgehen ist. Vor allem Naturgips, aber auch Dolomit und Anhydrit wecken seit Jahrzehnten Begehrlichkeiten, welche die Verantwortlichen in Niedersachsens bislang praktisch ungebremst befriedigten.

Der Raubbau allein an den Magerwiesen kostet rund 420 verschiedenen Pflanzenarten und über 400 verschiedenen Großschmetterlingen den Lebensraum. Solche unersetzlichen Naturschätze wurden offenbar eher als Störfaktoren betrachtet – schreibt das Gesetz doch Ausgleich und Ersatz bzw. Kompensation vor. Diese allerdings zu realisieren ist schier unmöglich. Trotzdem behauptet die Rohstoffindustrie, durch (dem Abbau folgende) Maßnahmen welcher Art auch immer den ursprünglichen oder einen adäquaten Zustand wiederherstellen zu können. In Wirklichkeit aber werden die natürlich vorhandenen geologischen Formationen gesprengt und abgebaggert und sind damit für immer verloren.
Dass die Natur nach Aufgabe der Steinbrüche unmittelbar wieder Fuß fasse, die nachfolgende Begrünung praktisch als Zeugnis der Regenerationsfähigkeit kommuniziert wird, macht die Erklärungsnot umso deutlicher: Auch eine Müllhalde oder eine durch Rückbau entstandene Ödfläche begrünen sich binnen kurzem wieder oder sind durch entsprechende Anpflanzungen „renaturierbar“, sogar mit ökologischem Nutzen. Mit auch nur näherungsweiser Gleichwertigkeit gegenüber dem ursprünglichen, natürlichen Zustand hat das aber nicht im Ansatz zu tun.

Die involvierten Behördenvertreter und Politiker, dem allgemeinen Verständnis nach eigentlich einem nachhaltigen Denken und Handeln im Sinne der Bürger und der (zukünftigen) Gesellschaft und nicht der Gewinnmaximierung einzelner Unternehmen verpflichtet, versäumen eine angemessene, auf eine langfristige und nachhaltige Nutzung gerichtete Prüfung und Planung. So gibt es bereits heute mehrere Alternativen zu Naturgips – allerdings werden diese bislang politisch nicht oder in nicht ausreichendem Maße gefördert. Daher ist es beispielsweise nach wie vor wesentlich billiger, Naturgips abzubauen und Rückbau-Gips sowie Gips aus sonstigen Baustellenabfällen zu deponieren; immer neue Flächen werden den abbauenden Konzernen auf dem Silbertablett serviert. Die Vernichtung (geschützter) Landschaftsteile und Lebensgemeinschaften, die Inanspruchnahme immer weiterer Flächen für Deponien sowie Deponien am Kapazitätslimit sind die unvermeidlichen Folgen dieser fehlgeleiteten Politik. Wie Untersuchungen belegen, wird der gesamte Deponieraum spätestens in sieben Jahren verfüllt sein. Die Gehalte an Gips aus solchen anthropogenen Lagern liegen mit 80 bis 95 Prozent sehr hoch und stellen damit neben weiteren eine wichtige, bislang nicht ausgeschöpfte Quelle für Gips dar.

Gleichzeitig verstellt das Festhalten an althergebrachten Baustoffen wie Gips den Blick auf innovative Materialien, deren Entwicklung den begrenzenten Ressourcen, dem Klimawandel und den zunehmenden ökologischen Problemen der Industriegesellschaft wie auch dem technologischen Fortschritt geschuldet sind. An dieser Stelle seien die nachwachsenden Baustoffe beispielhaft aufgeführt, wie sie derzeit bereits Anwendungsreife besitzen und schon eingesetzt werden. Deren Grundlage reicht vom praktisch überall lokal verfügbaren Stroh über Flachs, Hanf, Holz(fasern), Leinen, Schilfrohr, Wiesengras, Zellulose, Jute, Seegras u.a. bis hin zu Schafwolle, Ziegenhaar und Pilzmyzel. Laut Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe bilden sie die Grundlage für eine Vielzahl qualitativ hochwertiger Bauprodukte wie Dämmstoffe, Ausbaustoffe und Anstrichsysteme. Allerdings fehlt auch hier der politische Wille, diesen zu einem endgültigen Durchbruch zu verhelfen. Wer jedoch das Ziel hat, den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland auch in den kommenden Jahrzehnten zu sichern, kann nicht an rückwärtsgewandten Technologien und Materialen festhalten, für deren Gewinnung wertvollste Landschaften und Lebensgemeinschaften geopfert werden müssten.

Statt innovative Konzepte zu verfolgen, werden die üblichen „Totschlagargumente“ wie Zahl und Sicherung von Arbeitsplätzen ins Feld geführt. Zusätzlich werden die Firmen gemeinhin als „Beschäftigungsmultiplikatoren“ mit dem Faktor 1,5 für die Region gehandelt. Solche Aussagen stammen sämtlich von der Gipsindustrie selbst, den Industrieverbänden oder den von dieser Seite beauftragten Consultingagenturen und nicht von unabhängigen Gutachtern. Nichtsdestotrotz werden sie bereitwillig und unreflektiert übernommen und Medien wie Bevölkerung als unumstößliche Tatsache präsentiert. Gleichzeitig ist auch hier zu bedenken, in welche Richtung investiert werden soll: mit dem Abbau von Naturgips in das Gestern oder dank Recyclingverfahren und innovativer Lösungsansätze in das Morgen. Ein Land jedenfalls, das seine natürlichen Ressourcen und eine seiner bedeutendsten Naturschätze Unternehmen zur freien Ausbeutung und Destruktion zur Verfügung stellt, wird den Anschluss an eine tragfähige wirtschaftliche Zukunft verlieren – ebenso wie das Vertrauen seiner Bevölkerung.

Selbst die Höhe des oft kolportierten Nutzens für die Gemeinschaft, den die unwiderrufliche Vernichtung des Gipskarstes angeblich mit sich bringen soll, ist äußerst fragwürdig. Wohl rühmen sich Knauf, Saint Gobain und CASEA ihres gesellschaftlichen Engagements, u.a. in 2014, als diese drei Unternehmen zusammen (!) insgesamt rund 110.000 Euro für Kultur, Tourismus und Sportförderung zur Verfügung gestellt hatten. Der Vergleich zwischen dieser Summe und dem Umsatz der beteiligten Unternehmen macht die tatsächlichen Dimensionen klar:

Knauf: weltweit 6,5 Mrd. Euro (2015)
Saint Gobain Formula GmbH: 25-50 Mio. Euro
Mutterkonzern Saint Gobain: 40,8 Mrd. Euro (2017)
CASEA: allein mit Gipsprodukten 60 Mio. Euro pro Jahr.

Dass mit einer nicht heilbaren Zerstörung der Landschaft für die Menschen vor Ort zusätzlich der Verlust von Heimat einhergeht, ist ein weiterer negativer Aspekt, den es zu bedenken gilt. Die in Mitteleuropa einmalige Gipskarstlandschaft bietet ein Identifikationspotenzial, das bislang nicht im Ansatz ausgeschöpft worden ist. Da die raumbezogene Identität dem soziologischen Verständnis nach „die kognitiv-emotionale Repräsentation von Orten im Bewusstsein eines Individuums im kollektiven Urteil einer Gruppe“ (Weichhart, 2006) darstellt, dürfte nicht verwunderlich sein, dass die Attraktivität des Standorts für seine (potentiellen) Bewohner und Besucher sinkt, wenn sich Abbaukrater an Abbaukrater reiht. Niemand möchte in der Nähe eines Tagebaus wohnen oder seinen Urlaub verbringen, wo er Lärm, Staub, Erschütterungen und Transportverkehr ausgesetzt ist und jeden Tag mitansehen muss, wie die ursprünglich perfekte Landschaft Stück für Stück verwüstet wird.

Beispielhaft sei an dieser Stelle die Südharzgemeinde Neustadt genannt, der erst 2014 die Anerkennung als heilklimatischer Kurort zuteilwurde – ein Prädikat, dass in Thüringen gerade einmal drei Orte für sich in Anspruch nehmen können. Ein ambulantes Kurtherapiezentrum, eine Lungenfachklinik und eine äußerst attraktive Landschaft bescheren Neustadt inzwischen rund 30.000 Übernachtungen pro Jahr, Tendenz steigend. Doch längst hat die Gipsindustrie ein Auge auf die spezifische Geologie der Umgebung geworfen: In einen Taleinschnitt mitten im Naturschutzgebiet will die im niedersächsischen Walkenried ansässige Saint Gobain Formula GmbH einen Stollen treiben und dort über die kommenden 50 Jahre jährlich zwischen 70.000 und 100.000 Tonnen Gipsgestein brechen; drei Etagen soll es in die Tiefe gehen. Sollte sich das Unternehmen durchsetzen, wird das nahegelegene Neustadt verlieren: nicht nur seine Kurgäste und Touristen, sondern auch seine Einnahmen, seine Anerkennung als heilklimatischer Kurort und letztlich seine Perspektive.

Es sind gerade die weichen Standortfaktoren, von denen eine strukturschwache Region wie der Südharz profitieren kann: die Qualität der Wohnverhältnisse, des Wohnumfelds, der Umwelt und nicht zuletzt von einem positiven Image. Doch ist es nicht gut um die Zukunft eines Gebietes bestellt, das sich als Bergbauregion Naturschutz- und FFH-Gebiete, Gärten, Felder und Grundstücke einverleibt und weithin sichtbare schwer verwundete und vernarbte Landstriche hinterlässt.

Die vielen Naturkleinode, die Kalk-Pionierrasen, die Glazialrelikte, artenreichen Halbtrocken- und Trockenrasen, die Orchideen-Buchenwälder und zahlreichen Stillgewässer, die, den entsprechenden Willen von Politik und Behörden vorausgesetzt, Touristen aus aller Herren Länder anziehen könnten, werden einem kurzsichtigen, unzeitgemäßen und im Grunde fortschrittsfeindlichen Denken und Handeln geopfert – und das, obwohl sie dank ihrer Exklusivität als Teil des „grünen Karstes“ in Mitteleuropa genau jene Kriterien erfüllen, um als UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichnet werden zu können: Die Gipskarstlandschaft

-„weist überragende Naturerscheinungen und Gebiete von außergewöhnlicher Naturschönheit und ästhetischer Bedeutung auf,

-stellt außergewöhnliche Beispiele der Hauptstufen der Erdgeschichte dar, darunter… wesentlicher im Gang befindlicher geologischer Prozesse bei der Entwicklung der Landschaftsformen und wesentlicher geomorphologischer Merkmale,

-enthält die für die In-situ-Erhaltung der biologischen Vielfalt auf der Erde bedeutendsten und typischsten Lebensräume, einschließlich solcher, die bedrohte Arten enthalten, welche … ihrer Erhaltung wegen von außergewöhnlichem universellem Wert sind.“ (Deutsche UNESCO-Kommission)

Auf Grund der Kulturhoheit der Länder ist die Unterschutzstellung Angelegenheit der Bundesländer, weshalb ihnen auch das Nominierungsrecht obliegt. Das Antragsprozedere dürfte Ihnen bekannt sein. Allerdings müssten Sie sich freimachen von restriktiven, kurzsichtigen Überlegungen und Zwängen, die einem dem Kohlebergbau ähnlichen unzeitgemäßen und zukunftsschädlichen Abbau von Naturgips laudieren und die dramatischen negativen Folgen für die gesamte Zechsteinregion und ihre Bevölkerung – über die beiden Bundesländer Niedersachsen und Thüringen hinweg – ignorieren.

Ihr Bemühen gilt offensichtlich in erster Linie der Rohstoffindustrie, nicht einer nachhaltigen Nutzung des einmaligen Gebiets, somit auch nicht der Bevölkerung vor Ort und erst recht nicht der Biodiversität als menschlicher Lebensgrundlage. Wäre das Gegenteil der Fall, würden Sie erkennen, dass der immer weiter reichende Abbau von Naturgips, Dolomit und Anhydrit in überaus schützenswerten Gebieten deutlich mehr und dazu irreversible Schäden anrichtet als er Nutzen (für die Bevölkerung und die Region) bringt. Viele Ihrer Kollegen in Thüringen haben das bereits erkannt, wie Sie der beiliegenden Stellungnahme zum Entwurf des Regionalplans Nordthüringen, den sämtliche Fraktionen im Nordhäuser Stadtrat unterzeichnet haben, entnehmen können.

Darüber hinaus setzt sich neben thüringischen Lokalpolitiker*innen, Bürgermeister*innen und Gewerbetreibenden, Bürgerinitiativen und Verbänden auch das Umweltministerium in Thüringen unter Ministerin Anja Siegesmund für ein „Biosphärenreservat Südharz-Kyffhäuser“ ein. Sachsen-Anhalt, das ebenfalls zum BiodiversitätsHotspot 18 „Südharzer Zechsteingürtel“ gehört, hat als erstes Bundesland den Schatz vor der eigenen Haustür erkannt und unter besonderen Schutz gestellt: 2009 erklärte das Landwirtschafts- und Umweltministerium Sachsen-Anhalts das Gebiet zum Biosphärenreservat. Eine solche Initiative ist in Niedersachsen bislang nicht einmal angedacht, geschweige in Angriff genommen worden.

Wir geben hier zu bedenken, dass damit eine einmalige Chance vertan wird, über die drei Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen hinweg ein deutschlandweit einmaliges Kooperationsprojekt mit Vorbildcharakter zu etablieren. Dessen politische Dimension kann nicht hoch genug bewertet werden: Es vermag – für die Bevölkerung unmittelbar sicht- und erlebbar – „die Mauer in den Köpfen“ ein Stück weit abzureißen. Den breiten politischen und mentalen Graben zwischen Ost und West, der sich nach 28 Jahren noch immer nicht geschlossen hat und sich, im Gegenteil, in vielen Bereichen verbreitert, könnten Projekte wie diese überbrücken helfen: Niemand wird sich über- oder unterlegen fühlen, die Gemeinsamkeiten überwiegen. Entsprechend Willy Brandts Zitat zum Mauerfall kann hier endlich „zusammenwachsen, was zusammengehört“. Gemeinsam für den Erhalt einer einzigartigen Landschaft zu kämpfen, die den Menschen vor Ort Heimat und Perspektive bietet und ihre Zukunft auch wirtschaftlich sichert, kann und muss politische Prämisse haben.

Doch statt sich für den Erhalt dieser unikalen Landschaft einzusetzen, stellen Sie diese der Totalzerstörung anheim: Schon jetzt sind mehr als ein Drittel (!) für den Abbau freigegeben worden, weitere Gebiete sollen folgen. Die Zeit spielt der Rohstoffindustrie zu, und noch befleißigen Sie sich als Sekundanten der Landschaftszerstörung. Wir fordern Sie hiermit auf, diese Haltung aufzugeben und zu handeln – für eine lebenswerte „Zukunft mit G( r)ips“.
Marita Vollborn
Vorsitzende BUND-Ortsgruppe Osterode
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