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Do, 18:27 Uhr
04.07.2019
„Jesus Christ Superstar“ auf dem Schlosshof

Grundsolide Passionsgeschichte

Wahrscheinlich machte sich Tim Rice 1971 keine großen Gedanken um Figurenentwicklung seines Musicals, weil die Passionsgeschichte ohnehin jeder kennt. Ein halbes Jahrhundert später jedoch fragt man sich, ob das alles sein kann. Die Antwort von Julia Weber...


Vielleicht hat Ivan Alboresi, Urgewalt am Nordhäuser Theater und bereits nach seiner ersten Spielzeit mit dem Theaterpreis geehrt, sich das ebenfalls gefragt. Der Regisseur und Choreograph eröffnet die Sondershäuser Schlossfestspiele mit „Jesus Christ Superstar“ und setzt den Sammelbildern des christlichen Sticker-Albums Menschen aus Fleisch und Blut entgegen. Indes, aus einer zweidimensionalen Vorlage ist Tiefe kaum herauszuholen.

Wofür Jesus steht, was er will, wird gleich zu Beginn mit einer Friedensdemonstration bebildert; im Folgenden ist Jesus eben Jesus. Ebenso, wie Judas eben Judas ist, der zwar nicht den ersten Stein wirft, aber den ersten Kreuzigungsnagel aufrichtet, weil Jesus sich von der Masse tragen lässt wie ein Superstar. Nie war des Menschen Sohn so eitel wie hier. Dagegen muss Judas etwas unternehmen und darf tun, was er der Geschichte nach zu tun hat. Anschließend darf Petrus verleugnen, Herodes spotten und Pilatus sich seine Hände waschen. Keine Überraschungen.

Wirklich keine Überraschungen?
Da ist zum einen Carolin Schumann als Maria Magdalena, die mit ihrer warmen Stimme dergestalt zwischen Liebe und Verzweiflung pendelt, dass es eine Freude ist, ihr zuzuhören und zuzusehen. Zum anderen überrascht ein Darsteller aus der zweiten Reihe: Philipp Franke als Pilatus weiß in seinen wenigen Szenen gesanglich und spielerisch am meisten zu überzeugen. Jesus (Tobias Bieri ) und Judas (Marc Lamberty), vom damals noch unbekannten Komponisten Lloyd Webber zu kehlkopfquetschendem Falsett gezwungen, schlagen sich leidlich wacker. Weitere Jünger und Anhänger Jesu gehen jedoch ebenso wie seine Gegner in den Massenszenen von Chor, Extrachor und Ballett individualitätslos unter. Beeindruckende Masse auf der Bühne bedeutet nicht automatisch beeindruckendes Theater.

Bezeichnend, dass man den Chor ausgerechnet in der bedrückendsten Szene gar nicht sieht: verdeckt unter einem schmutzigen Tuch bitten die Leprakranken Jesus um Heilung. Das ist toll gemacht. Ein Ereignis ist auch Marvin Scott als Herodes, der seinem Affen mit sichtlicher Spielfreude Zucker gibt. In einer späteren Shownummer wird auch der bereits tote Judas von Webber und Alboresi endlich von der Leine gelassen. Diese Momente geben eine Ahnung davon, was noch alles möglich gewesen wäre.

Von der Leine gelassen und mit sichtlicher Spielfreude ist zu Werke gegangen ist wohl auch Kostümbildnerin Anja Schulz-Hentrich: Jede Szene ist vom Scheitel bis zum Saum durchgestylt, vom erdfarbenem Anfangsbild mit farblichen Tupfen über Showbilder in pinkfarbenen Pailletten-Hotpants bis hin zu eben jenem Schlussakkord des Judas in Smoking mit weiß-goldenen Engeln. Hier baut das Regieteam Szenen für das Ohr und für das Auge.

Wer mit durchkomponiertem Art- und Glamrock der frühen Siebziger etwas anfangen kann und dem Gespann Rice/Webber das bloße Abhaken der Passionsgeschichte verzeiht, bekommt mit diesem „Jesus Christ Superstar“ der Thüringer Schlossfestspiele eine grundsolide Inszenierung geboten.
Julia Weber
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