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So, 16:54 Uhr
15.09.2019
Zum 250. Geburtstag Alexander v. Humboldts

Begegnung in Paris

Gestern hatten wir bereits eine interessanten Beitrag von Heidelore Kneffel zum 250. Geburtstag Alexander v. Humboldts veröffentlicht und heute können wir Ihnen einen weiteren Artikel der Nordhäuserin präsentieren. Dieses Mal geht es um eine Begegnung Humboldts mit seiner Schwägerin.

Humboldt Universität zu Berlin

Alexander fährt fort, den größten Effekt hier zu machen
Caroline von Humboldt aus Paris nach Rom

Diese Worte stammen aus einem Brief Caroline von Humboldts an ihren Mann Wilhelm in Rom, geschrieben 1804 aus Paris nach der Rückkehr ihres Schwagers Alexander von Humboldt von seinen Entdeckungen aus Südamerika, Kuba, Mexiko und den USA, wo er sich 5 Jahre zum Forschen aufgehalten hatte. Sie lebte damals einige Monate in der französischen Hauptstadt, weil ihr kleiner Sohn Theodor, schwer erkrankt, unbedingt eine Luftveränderung brauchte und deshalb Rom, wo sich die Familie ab 1802 aufhielt, einige Zeit verlassen sollte. Sie erwartete ihr 6. Kind.

Am 26. März 1829 starb diese ungewöhnliche Frau, verheiratet mit dem anerkannten Juristen, Sprachforscher und preußischem Staatsmann Wilhelm von Humboldt. Das Renaissanceschloss in Auleben gehörte zu ihrem Erbe, sie war eine geborene von Dacheröden. Diese adlige Familie lebte in Erfurt in einem repräsentativen Haus am Anger und besaß mehrere Güter, eines in Auleben. In dem als „TafelBibliothek“ benannten Raum der Familie Wilhelm und Caroline von Humboldt im Humboldtschloss, Steinerstock 9, gibt es eine Dauerausstellung mit zahlreichen Bildern und erläuternden Texten Aufschluss über das Leben dieser Familie. In der dort angelegten Bibliothek gibt es auch ansehnliche Bände über (von) ihrem Schwager Alexander von Humboldt, dessen Geburtstag sich am 14. September 2019 zum 250. Mal jährte.

Betrachten wir etwas eingehender, wie sich Caroline und Alexander in Paris begegnen. Der 27. August 1804 ist der Rückkehrtag des Schwagers von seiner Forschungsreise nach Kuba, Kolumbien, Ekuador, Peru, Mexiko, noch einmal Kuba, über Washington nach Paris. Er freut sich, Caroline und den Kindern in Paris zu begegnen. In dieser Stadt hatten sich die beiden Mitte Oktober 1798 das letzte Mal gesehen, als er und der französische Botaniker Aime Bonpland Paris verließen, um über Spanien nach Südamerika aufzubrechen. Humboldt vertraute damals seinem Tagebuch an: "Ich trat nie eine Reise mit so gutem Mute an. Diese Stimmung verdanke ich größtenteils meinem Bruder und der Li (C.v. H.). Fremde Stärke erhebt. Der Abschied war stark empfunden. Als die Li den Kleinen (Theodor, ein Jahr) zu mir emporhob, hätte ich fast die Haltung verloren. Aber es war nur auf einen Augenblick."

Von seinen Berichten über die Forschungsreise gehe es ihr und anderen "wie ein Mühlrad im Kopf herum," erfährt ihr Mann in Rom. Er sähe sehr gut aus, wohlgenährt, habe immer noch dieselben Manieren, Mienen, Gestikulationen, dieselbe Haltung wie vor seiner fünfjährigen Reise, Pläne für allerlei europäische Länder, und möchte auf alle Fälle nach Rom kommen.

Caroline ist also eine der ersten, die von seinen unwahrscheinlich klingenden Reiseerlebnissen erfährt und erkennt, was für eine Leistung da vollbracht wurde. Ihrem Mann macht sie Mitteilung davon: "Alexander fährt fort, den größten Effekt hier zu machen... Seine Sammlungen sind ungeheuer, alles zu bearbeiten, vergleichen, alle Ideen auszuspinnen, die ihm gekommen sind, braucht er mindestens fünf bis sechs Jahre. Wenn es nur in Rom mehr Hilfsmittel, Bibliotheken u. dgl. gäbe, würde die Lokalität des Ortes, die Stille und Größe sehr wohltätig auf ihn wirken, allein, so wird es nicht gehen. Wir werden ihn nur einige Monate haben, und Alexander ist es nicht gut, ganz ungezügelt sich selbst überlassen zu bleiben." Die Schwägerin kümmert sich auch auf Bitten ihres Mannes darum, dass und wie sich Alexander mit dem Preußischen König in Kontakt setzt, damit nicht nur Frankreich, also Napoleon, von den Früchten der Forschungen profitieren wird. Sie spiele "mit ihm eine ordentliche Hausmeisterrolle."
Viele Menschen kommen täglich zu Alexander, um seine Zeichnungen und Sammlungen an zu sehn, ihm zuzuhören. Napoleon allerdings ist ihm nicht gewogen, besitzt keine Ader für diese bahnbrechende Leistung.

"Alexanders Zeichnungen von Pflanzen, Tieren, von ganzen aufgenommenen Gegenden sind sehr merkwürdig und schön und wenn man die Geschichte dazu kennt wie und wo und unter welchen unbequemen Umständen sie gemacht sind, so muß man die Ausdauer und den Fleiß und Sorgsamkeit doppelt bewundern, mit denen sie gemacht sind."
Die Herbarien, Mineralien und Versteinerungen werden im Museum ausgestellt. Am überfüllten Institut de France, dessen Mitglied er ist, trägt er seine Reiseerlebnisse vor, die er auch schriftlich festhält und bald gedruckt werden sollen. "Du wirst sehr zufrieden damit sein. Bis auf den Anfang ... ist es leicht und mit Grazie geschrieben. Die Gegenstände sind nur leise berührt, es sind nur die Punkte angegeben, und es muß, dünkt mich, die Neugierde für die eigentliche Reise sehr erhöhen. Der König hat sehr verbindlich geantwortet."
Alexander schreibt seinem Bruder selbstverständlich auch selbst: "Alle Furcht also, daß meine französischen Verbindungen den vaterländischen schaden könnten, ist eitel gewesen. Ich werde dem König sogleich freundlichst antworten... Ich arbeite hier sehr viel und glücklich... oft in einer Sitzung habe ich astronomische, chemische, botanische und astrologische Dinge im größten Detail vorgebracht... Kurz, es ist alles schon im Gange... Du siehst also, daß das pommersche Geschlecht durch mich und Dich verherrlicht ist."

Caroline beschließt, auch durch Zureden des Schwagers, noch bis zur Kaiserkrönung Napoleons in Paris zu bleiben. "Ich lebe sehr sehr innigst mit der Li. Ob ich gleich sehr in der großen Gesellschaft zerstreut bin, so sehen wir uns doch täglich. Sie steht noch an, ob sie sich wird der Kaiserin müssen vorstellen lassen, um die Krönung mit anzusehen. Ich bin gezwungen gewesen, mir für 70 Louisdor samtene gestickte Kleider machen zu lassen, um in aller Pracht zu erscheinen. Man muß nach solcher Reise nicht scheinen auf den Hund gekommen zu sein." Am 2. Dezember findet die prunkhafte Zeremonie in Notre-Dame de Paris statt. Auf dem Krönungsbild von Jacques-Louis David ist Alexander mit seinem weißen Halstuch gut zu erkennen.

Der nach Europa Heimgekehrte lernt in Paris die dort am 2. Juli geborene Mathilde Louise Virgine von Humboldt kennen. Anfangs gedeiht das Kind sehr gut, aber nach einer Pockenimpfung stirbt es am 18. Oktober. "Ach Wilhelm, ich komme nicht reicher zurück, ärmer - mit so heiligen Hoffnungen ging ich hinweg, fühlte ihr zartes Wesen in meinem Schoß, und in dem trüben Winter an Theodors Krankenbett, mit dem tödlichen Schmerz um Wilhelm im Herzen, hat sie mein Leben erhalten. Und ich konnte das ihre nicht halten. -... Ich habe wohl gleich daran gedacht, sie mitzunehmen, um sie neben ihrem schönen Bruder begraben zu lassen. Die Kosten der Einbalsamierung hätte ich nicht gescheut und einen großen Trost darinnen gefunden, sie nicht in diesem fremden Boden zu lassen, aber ich vermochte nicht meinen Widerwillen gegen das Öffnen des geliebten Körpers zu überwinden... Ich habe von Loisens erblassten Gesicht einen Abdruck nehmen lassen und bringe ihn mit. Es ist natürlich ähnlich, doch ist der Reiz des Lebens hinweg, und alle Züge tragen die Spuren des furchtbaren Tode."

Die Kleine wird auf dem Gut Javelle, das einer bekannten Familie gehört, nahe bei Meudon, begraben. Der Arzt Kohlrausch und Alexander lassen sie unter einem hohen Akazienbaum beisetzen. Caroline ist zu krank, um dabei sein zu können.
Gleich in Paris vergibt Alexander Aufträge an verschiedene Künstler und Kupferstecher, um seine Skizzen und Zeichnungen zur Illustrierung zu verarbeiten. Caroline kann da hilfreich sein. Ende Januar 1805 kehrt sie nach Rom zurück und die befreundete Künstlerschar versammelt sich wieder bei den Humboldts. Alexander von Humboldt trifft am 30. April 1805 bei der Familie seines Bruders ein, die Betriebsamkeit nimmt noch zu. Trotzdem kommt er auch zum Arbeiten. Caroline hatte schon aus Paris an ihren Mann geschrieben, wie sie sich dessen Aufenthalt bei ihnen in Rom im Palazzo Tomati vorstellt: Ich denke, wir geben ihm das obere Quartier; da er viel Chemisches treiben will, wird die Nähe der Küche gut sein. Wäre es nicht vielleicht gut, die kleine Küche nachsehen zu lassen, damit er darinnen notdürftig sein Wesen treiben könne? Die Nähe des Zimmers macht sie sehr bequem."


Palazzo Tomati in Rom

Der ehemalige Privatlehrer der Humboldtkinder, Schweighäuser, erfährt Ende Juni von ihr: "Mein Schwager ist seit zwei Monaten hier bei uns. Er hat einen jungen Chemiker aus Paris, Gay-Lussac, bei sich, der ein liebenswürdiger Mensch und sehr vorzüglich in seiner Wissenschaft ist. Mit diesem wird er im September nach Berlin gehen. Von seinen Werken ist schon einiges unter der Presse, und an vielem arbeitet er mit wirklich unablässiger Tätigkeit."

Humboldt wird also von Joseph Gay-Lussac, Physiker und Chemiker, begleitet, der kurz nach dessen Ankunft in Frankreich mit einem offenen Ballonkorb und ohne Sauerstoff in die enorme Höhe von 7000 m aufgestiegen war und damit auch Humboldts Behauptung bestätigt, dass sich die Intensität des Erdmagnetfeldes mit zunehmender Höhe nicht verändert. Der zweite, der sich hinzugesellt, als man nach Neapel und zum Vesuv aufbricht, dessen Ausbruch man erwartet, ist Leopold von Buch, ein bedeutender Geologe. Beide kennen sich seit dem Studium in Freiberg. Der Vulkan ist zwar unruhig, aber die Entladung feuriger Massen bleibt vorerst aus. Man bestieg den Berg mehrere Male und konnte am 12. August 1805 dann doch einen Ausbruch beobachten. Mit Humboldt verhilft er dem Plutonismus gegen den Neptunismus zum Durchbruch, dem Goethe anhängt.

Es ist klar, dass die Künstler in Rom, die in der Humboldtfamilie verkehren, den Berichten des kühnen Forschers mit großer Aufmerksamkeit folgen. Sie werden dann von Alexander gebeten, nach seinen Skizzen Bilder für die Publikationen seiner Forschungsergebnisse zu schaffen. So entstehen mehrere Kunstwerke von Wilhelm Friedrich Gmelin, Gottlieb Schick und Joseph Anton Koch.
Humboldts Schwägerin Caroline wird später in Berlin eine verständige Hörerin seiner berühmten Kosmosvorträge sein.
Heidelore Kneffel
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