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So, 18:09 Uhr
19.01.2020
GFAW Regionalstelle Nordthüringen

Workshop "Bleib AGIL" für Pflegebranche

„Bleib AGIL!“ forderte der Titel des jüngsten Workshops auf, zu dem die Regionalstelle Nordthüringen der Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung (GFAW) nach Nordhausen eingeladen hatte. Der fachlich hochkarätig besetzten Veranstaltung folgten gut 60 Teilnehmer aus Unternehmen und Trägern der Sozialwirtschaft sowie Partner von Institutionen und Verbänden, ging es doch um das Brennpunkthema Fachkräfte...



Und hier durfte AGIL neben der Wortbedeutung ‚flink, wendig, beweglich‘ auch im Sinne von Arbeitskräfte finden und binden, Gesundheit fördern, Instrumente der Personalentwicklung sowie Leben in Balance ausgelegt werden.

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„Mit unserem Workshop war uns wichtig, in besonderem Maße die Pflegebranche in den Fokus zu stellen, nicht zuletzt, weil es auch in Nordthüringen eine Engpassbranche ist“, machte Katja Kühn, die Leiterin der GFAW-Regionalstelle und der Geschäftsstelle des Regionalbeirates Nordthüringen, deutlich. „Andererseits haben wir in der Region positive Praxisbeispiele, wie Unternehmen und Partner der Sozialwirtschaft schon heute (zusammen)arbeiten und Wege gefunden haben, um der angespannten Fachkräftesituation zu begegnen – gerade in den Pflegeberufen. Diese konnten wir in Nordhausen einem interessierten Fachpublikum vorstellen.“

Wie gut passte da zu Beginn der Besuch des Nordhäuser Originals Professor Zwanziger, der den Pflegeberufen „eine gute Zukunft bescheinigte“, aber auch einem Sozialen Jahr für Jugendliche sehr zugeneigt war. „Das erdet schön und bringt Bodenhaftung.“
In der Realität versiegender Fachkräftequellen angekommen sind unterdessen längst alle Branchen – in Nordhausen, in Thüringen, deutschlandweit. Dennoch habe sich der Freistaat viel besser entwickelt als noch zur Jahrtausendwende vermutet. „Aus der Problemregion Thüringen ist das Chancenland Thüringen geworden“, brachte es Professor Michael Behr, Abteilungsleiter Arbeit und Qualifizierung im Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, auf den Punkt. Thüringen ist ein „demographisch entspanntes Bundesland“ und hat zudem den „geringsten Teil an nichtqualifizierten Menschen“. Dennoch wirkten insbesondere die deutschen Großstädte „als Zentrifuge und ziehen vor allem junge Akademiker ab“, weil Thüringen hier noch nicht genügend Arbeitsplätze anbietet. „Dabei könnten wir vor allem vor diesem Hintergrund die Digitalisierung angstfrei angehen.“
Besonders gravierend wirke sich die rückläufige Bevölkerungsentwicklung von 750 000 Menschen seit 1990 aus, Tendenz steigend, trotz bundesweit zweithöchster Geburtenrate. Parallel zur schwindenden Ressource Arbeitskraft empfinden die Menschen, die sich im Arbeitsprozess befinden, einen gewissen „Erschöpfungszustand innerhalb dieser Hochgeschwindigkeitsgesellschaft“. Die Auswirkungen seien in der Pflege ganz besonders spürbar. Zulasten eines geringeren Einkommens und ungenügender Regenerationszeit entschieden sich Arbeitnehmer für Teilzeit. „Dabei ist das Betrug an sich selbst“, betonte Behr.

Betroffen davon seien in aller Regel Frauen, denn die Pflegebranche hat einen Teilzeitanteil von 50 Prozent bundesweit. Pflege ist die Teilzeitbranche“, unterstrich Dr. Michaela Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dreiviertel der Beschäftigten in der Sozialwirtschaft sind zudem Frauen. Der ostdeutsche Wendeschock wirke sich in der Pflege noch über Generationen aus. „Die Region Nordhausen weicht da nicht von den in Thüringen erhobenen statistischen Zahlen ab.“ Aktuell stehen sich am Arbeitsmarkt die offenen Stellen mit den nachzubesetzenden Stellen gegenüber. „Dabei ist die Beschäftigungstreue gerade in der Pflege sehr hoch. Examinierte Krankenschwestern kommen nach Kinderbetreuungszeiten auch wieder zurück in ihren Beruf.“ Der Blick auf die Statistik weist aus, dass das Thema Entlohnung nicht in jedem Fall zu den Engpässen führt. „Für qualifiziertes Personal, also Krankenschwestern und Krankenpfleger, hat sich hier in den letzten Jahren viel getan.“ Die Löhne in Thüringen liegen weniger weit unter dem Bundesdurchschnitt als bei den Helferberufen in der Pflege. „Allerdings müssen im Moment oft Helfer eingestellt werden, um die Lücke zu fehlenden Fachkräften zu schließen, berichten die Unternehmen der Sozialwirtschaft.“

Wenn der Arbeitsmarkt nicht ausreichend Nachwuchskräfte hergibt, kommt – und das betrifft alle Branchen gleichermaßen – dem präventiven Gesundheitsmanagement besondere Bedeutung zu. Darauf ging Karina Becker vom Institut für Soziologie der FSU Jena ein. Studien belegen, dass „Pflegekräfte ihre hohe Verhandlungsmacht, die sie heute am Markt haben, nicht nutzen“. Vielmehr fühlen sie sich der Hilfe am Menschen und ihrer Organisation verpflichtet, statt eigene Interessen stärker durchzusetzen. „Sie nehmen Überstunden, trotz Teilzeit, in Kauf und arbeiten dadurch faktisch mehr.“ Leistungsverdichtung, fehlende Ruhephasen und Unzufriedenheit führten zwangsläufig zu Belastungsstörungen, Krankheit und oft auch zum Ausscheiden aus dem Beruf. „Dabei arbeiten zufriedene Menschen besser als Unzufriedene.“

Diesem Ansatz folgte auch Dr. Martin Lampert von der gleichnamigen Organisationentwicklung in Erfurt. „Arbeit macht entweder Freude oder sie macht krank“, spitzte er zu, und schlug den Bogen von dem, was junge Berufstätige heute von ihrer Arbeit erwarten und was Realität ist, bis hin zur Frage, wie man in der Sozialen Arbeit bis zur Rente tätig sein kann. Jugendliche wollen insbesondere einen sicheren Arbeitsplatz, etwas Sinnvolles tun und das Gefühl haben, etwas zu leisten. Sie legen aber ebenso Wert auf genügend Freizeit neben ihrer Arbeit. „Während Arbeitgeber in der Pflege die ersten drei Punkte gut einhalten können, müssen sie am Leistungsversprechen ‚Freizeit‘ arbeiten, um für junge Leute attraktiv zu sein.“ Um Stammpersonal im Unternehmen zu halten, bedarf es vor allem der Hinwendung zum Mitarbeiter, zu erfragen, was Mitarbeitern am Arbeitsplatz wirklich wichtig ist. Dabei würde Geld nicht immer an erster Stelle stehen.
Wie man Fachkräfte in der Praxis motiviert und leistungsfähig erhält, und wie man damit auch zu einem attraktiven Unternehmen wird, dazu arbeiteten die Teilnehmer am Nachmittag mit Dr. Lampert in einem Praxisworkshop.
Martina Röder von der Neanderklinik „Harzwald“ GmbH stellte ihr Beispiel vor, wie die Klinik Pflegefachkräfte in der Ukraine wirbt und entwickelt, wie Begleitung, Betreuung und Integration dieser Fachkräfte hier in Deutschland gelingen.
Rund um gesundheitsfördernde Maßnahmen für Mitarbeiter in der Pflege ging es im von Silvia Böhme, Deutscher Pflegeverband e. V., moderierten Workshop. Die Teilnehmer kamen nach dem Ausloten geeigneter Maßnahmen auf den Punkt, dass es letztlich auch am einzelnen Mitarbeiter selbst liegt, Eigeninitiative zu entwickeln, sich arbeitsfähig zu halten. Thomas Linke von der ISA Kompass GmbH ging mit seinen Teilnehmerinnen aufs Feld der Jugendhilfe, um an diesem Beispiel zu diskutieren, welche Ressourcen im rückläufigen Fachkräftemarkt dennoch genutzt werden können und wie.

Katja Kühn zeigte sich am Ende des Workshops zufrieden mit dem Ergebnis: „Es ist uns gelungen den großen Bogen von der Fachkräftegewinnung im In- und Ausland, der Bindung im Unternehmen, unter anderem durch geeignete Maßnahmen der Gesundheitsförderung, bis hin zu Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten seitens der GFAW zu schlagen. Diese Impulse waren möglicherweise Anstoß für neue Netzwerke, in jedem Fall aber für neue Denkanstöße.“
Constanze Koch


Bleib AGIL (Foto: Medienbüro Koch (Constanze Koch))
Bleib AGIL (Foto: Medienbüro Koch (Constanze Koch))
Bleib AGIL (Foto: Medienbüro Koch (Constanze Koch))
Bleib AGIL (Foto: Medienbüro Koch (Constanze Koch))
Bleib AGIL (Foto: Medienbüro Koch (Constanze Koch))
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Kommentare

19.01.2020, 19.15 Uhr
A.kriecher | Pflege unhaltbare Zustände
Man redet die Sache wieder schön obwohl die Zustände in der Pflege zum Himmel stinken. Ich schlage allen Damen und Herren solcher Veranstaltungen ein mehrmonatiges Praktikum in einem Altenpflegeheim vor, aber direkt in der Pflege um mal wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen.

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19.01.2020, 19.36 Uhr
5020EF
Der Beitrag wurde deaktiviert – Verstoß gegen AGB
19.01.2020, 19.36 Uhr
5020EF
Der Beitrag wurde deaktiviert – Verstoß gegen AGB
20.01.2020, 11.20 Uhr
ottilie | Pflege in den Alten- bzw, Pflegeheimen
Dem Kommentar von A.kriecher kann ich mich nur anschließen.

Das Personal ist knapp, die Entlohnung müßte besser sein.
Meistens bleibt nicht einmal die Zeit, mit den zu Pflegenden eine kleine netten Unterhaltung zu führen, was diesen Menschen besonders auch am Herzen liegt.
Da das Personal so knapp ist, wird es oft an ihren freien Tagen zurück gerufen. Denn auch die Pflegekräfte werden einmal krank.

Den Beruf sollte man besser bezahlen, dann würden eventuell auch mehr junge Leute diesen ergreifen.

Man sollte diese Heime nicht kritisieren, sondern den Tatsachen ins Gesicht sehen.

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20.01.2020, 11.22 Uhr
tannhäuser | Agil bleiben...
...würde auch bedeuten, dass nicht jedem Menschen Ü60 nach einer Hüft-, Rücken oder Knie-OP ein Rollator aufgeschwatzt wird.

Den Menschen wird abgewöhnt, in einer Reha zu trainieren, sich auch ohne solche Hilfsmittel wieder bewegen zu können.

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20.01.2020, 12.05 Uhr
mussmalsagen | Pflege ist leider auch nur ein Geschäft.
Wie viele ander Felder hat der Staat auch hier seine Pflicht abgegeben. Ein solches Treffen ist sicherlich lobenswert, und die Ideen zur Verbesserung löblich, aber leider kann man eben sein Geld in Pflegedienste investieren. Und das ist der Grund allen Übels, dass einige wenige wieder viel abschöpfen, die Renditen sind sicher und gut. Damit ist klar, warum ein Pflegeplatz immer teurer wird, die Angestellten aber wenig davon haben. Zu erwähnen wäre noch der Vergleich mit Nachbarländern, wo das besser läuft.

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