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Do, 10:29 Uhr
10.09.2020
Aus der Geschichte - Zeitzeugen berichten

Was war in Struth in einer Nacht geschehen?

In Struth erinnert heute nichts mehr daran, dass im April 1945 das Dorf nur ganz knapp einer totalen Katastrophe entgangen ist. Die Urania hatte zu einem Bildungsnachmittag eingeladen. Hier ein Bericht von Bernward Seipel....

Die sogenannte 11. Armee unter dem Oberbefehl des Generals der Infanterie, Otto Maximilian Hitzfeld (der Onkel von Ottmar Hitzfeld war vorrübergehend vom 2.-7. April der Oberbefehlshaber) erhielt den Auftrag, die schnell vorrückenden amerikanischen Kampfverbände der 6. US-Panzerdivision in Struth aufzuhalten, um sie von den nachrückenden US-Verbänden abzuschneiden, und so die durch den amerikanischen Vorstoß unterbrochene (nur noch in der Einbildung existierende) Kampflinie zwischen der 11. und 7. Armee im Raum Thüringen wiederherzustellen.

Wie aussichtslos dieses Unterfangen war, zeigt allein die Tatsache, dass am 4. April ca. 2 000 3.000, davon rund 1000 gepanzerte Fahrzeuge ( Panzer, Haubitzen, Halbkettenfahrzeuge, Panzerabwehr-Raketenwerfer) und etwa 15.000 Soldaten der 65. US-Infanteriedivision unser Dorf durchzogen, um in einer Umfassungsaktion Mühlhausen einzuschließen, um es besetzen zu können.

In Struth wurde vorrübergehend eine „kleine“ Besatzung von 643 Soldaten des 261. Infanterieregiments, 3. Bataillon, der o.g. Division unter dem Kommando von Oberst William E. Carraway zurückgelassen. Sie rechneten nicht mehr mit einem Gegenangriff der Deutschen und ließen wichtige Sicherungsmaßnahmen aus.

Am Abend des 6. April feierte man den bevorstehenden Sieg über Hitlerdeutschland und so konnten die deutschen Truppenverbände sich unbemerkt dem Dorf nähern. Der Angriff erfolgte am 7. April, nachts gegen 3.00 Uhr. Zunächst hatten die deutschen Angreifer das Überraschungsmoment für sich, und es gelang ihnen ca. ein-Drittel des Dorfes zu erobern.

Nachdem sich die Amerikaner von ihrem ersten Schock erholt hatten, schlugen sie mit ihrer weit überlegenen Feuerkraft unbarmherzig zurück und es gelang ihnen, innerhalb weniger Stunden den deutschen Angriff zurückzuschlagen.

Auf deutscher Seite fielen an diesem Tag nahezu 300 Soldaten, viele erst 17, 18 und 19 Jahre alt. Elf Zivilisten, darunter eine Mutter mit drei Kindern, fanden den Tod.

Die Amerikaner hatten, aus ihrer Sicht, hohe Verluste zu beklagen. 27 von ihnen waren gefallen, 68 verwundet. Da sie vermuteten, dass der deutsche Angriff nicht ohne die Unterstützung der Dorfbevölkerung so „erfolgreich“ gewesen wäre, wurden aus Rache viele Häuser des Dorfes in Brand gesetzt und für den 10. April eine Erschießung von Struther Einwohnern befohlen.

Das es letztendlich nicht dazu kam, dass verdanken die Struther dem damaligen Pfarrer Lerch, dem Besitzer von Kloster Zella, Hellmuth von Fries und der Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin, Helene, die zu dieser Zeit gerade in Kloster Zella weilte und den Struthern als „englische“ Prinzessin überliefert ist.

Eduard Fritze erzählt (2.v.li.) (Foto: Bernward Seipel) Eduard Fritze erzählt (2.v.li.) (Foto: Bernward Seipel)

In einem zweieinhalbstündigen Dorfrundgang konnten die über 60 Teilnehmer diese dramatischen Ereignisse anhand von Schilderungen der Zeitzeugen, Eduard Fritze (90), der mit seinen detailreichen Kenntnissen des Geschehens den Einführungsvortrag hielt, und Hubert Tasch (87), der seine Erlebnisse als 12-jähriger Junge auf dem Gemeindefriedhof schilderte, ein klein wenig nacherleben.

Hubert Tasch (li) und Rienhard Stützer (Foto: Bernward Seipel) Hubert Tasch (li) und Rienhard Stützer (Foto: Bernward Seipel)

Unterstützt wurden sie dabei von Reinhard Stützer, geboren in Struth, der den Dorfrundgang moderierte und von Buchautor Bernward Seipel. Er hat in seinen beiden Büchern „Preußens Glanz in Eichsfelds Gloria“, die Geschichte Kloster Zellas zwischen 1888 1945 und die damit im Zusammenhang stehenden Ereignisse im April 1945 in Struth intensiv erforscht.

Bernward Seipel erklärt, auf dem Angerstein stehend, die Ereignisse am 10. April 1945. (Foto: Urania) Bernward Seipel erklärt, auf dem Angerstein stehend, die Ereignisse am 10. April 1945. (Foto: Urania)

Sein Vortrag auf dem Struther Anger bildete die vorletzte Station des Dorfrundgangs. Hier stand das geheimnisvolle Auftauchen der „englischen“ Prinzessin und die Geschehnisse am 10. April 1945 an diesem Ort im Mittelpunkt der Ausführungen.

Den Abschluss der Veranstaltung gestaltete der Bürgermeister von Struth, Klaus Zunke-Anhalt, der noch einmal auf den großartigen Wideraufbauwillen der Struther verwies und die positive Entwicklung des Ortes nach der Wende darstellte.
Bernward Seipel

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