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Do, 09:08 Uhr
25.06.2020
Bertelsmann-Studie

Inklusives lernen kommt nicht voran

Der Ausbau der Inklusion an deutschen Schulen kommt vielerorts nicht voran. Dabei bringt inklusiver Unterricht Lernvorteile und trifft auch auf grundsätzliche Zustimmung der Eltern, wie die Bertelsmann Stiftung in einer aktuellen Studie darlegt...

Dennoch lassen die aktuellen Länderprognosen zur Entwicklung von Schüler- und Lehrerzahlen bis 2030 weiteren Stillstand erwarten.

Mehr als zehn Jahre nach dem Beitritt Deutschlands zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen kommt der Ausbau des inklusiven Unterrichts nur schleppend voran. In einigen Bundesländern ist er sogar rückläufig.

Entsprechend ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die an Förderschulen unterrichtet werden, kaum gesunken und in manchen Bundesländern sogar gestiegen. Dies zeigt eine Auswertung der Bertelsmann Stiftung von Daten der Kultusministerkonferenz (KMK).

Wurden im Schuljahr 2008/09 4,8 Prozent aller Kinder der Jahrgangsstufen 1 bis 10 in Förderschulen unterrichtet, so galt dies zehn Jahre später immer noch für 4,2 Prozent. Und es gibt nach wie vor eine starke Tendenz, Schülerinnen und Schüler aus Grund- und weiterführenden Schulen auf eine Förderschule zu überweisen: Mit 26.000 Schülerinnen und Schülern bildete diese Gruppe im Schuljahr 2018/19 immerhin 11 Prozent der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen an Förderschulen.

Elternwunsch und politisches Handeln klaffen auseinander
Wie eine repräsentative Befragung von Eltern schulpflichtiger Kinder durch Infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, plädieren nahezu alle Eltern (94 Prozent) für das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne körperlicher Beeinträchtigung. Bei Kindern und Jugendlichen mit Sprachschwierigkeiten liegt der Zustimmungsanteil bei 71 Prozent, bei solchen mit Lernschwierigkeiten bei 66 Prozent. Lediglich die Inklusion von Kindern mit geistiger Behinderung oder mit Verhaltensauffälligkeiten im emotional-sozialen Bereich findet in der Elternmeinung keine Mehrheit. Gleichzeitig sind Eltern von inklusiv unterrichteten Kindern insgesamt zufriedener mit den Schulen, Klassen und Lehrkräften ihrer Kinder als Eltern ohne eigene Erfahrungen mit Inklusion.

Die positiven Einstellungen der Eltern liegen auf einer Linie mit bisherigen Forschungsbefunden zu Auswirkungen der Inklusion auf den Lernerfolg: Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf erzielen in inklusiven Klassen durchschnittlich bessere Resultate und erreichen öfter den Hauptschulabschluss als jene, die in Förderschulen unterrichtet werden.

Gleichzeitig lassen sich beim gemeinsamen Unterricht keine Nachteile für das fachliche Lernen und gleichzeitig Vorteile für das soziale Lernen von Schülerinnen und Schülern ohne Förderbedarf erkennen. „Mehr Inklusion ist möglich. Der nachweisliche Lernerfolg und die Bereitschaft der Eltern unterstützen dies. Die Politik sollte sich diesen Rückenwind zunutze machen und in den nächsten Jahren deutlich mehr Mut zur Inklusion zeigen“, so Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Mit einer Trendwende bis 2030 ist nicht zu rechnen
Obwohl punktuelle Fortschritte bei der Inklusion zu verzeichnen sind – in einigen Ländern ist der Anteil der an Förderschulen unterrichteten Kinder (Exklusionsquote) im Zehnjahresvergleich zum Teil deutlich zurückgegangen – hinkt Deutschland insgesamt bei der Annäherung an die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention hinterher. Mit einer Trendwende ist dabei auch in den kommenden Jahren nicht zu rechnen. Nach der aktuellen „Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen 2018 bis 2030“ der KMK ist bundesweit von einer Stagnation der Exklusionsquote beim aktuellen Wert von 4,2 Prozent bis zum Schuljahr 2030/31 auszugehen. Dabei werden sich die einzelnen Bundesländer den Vorausberechnungen nach auseinander entwickeln: Einerseits ist den offiziellen Schülerzahlprognosen zu Folge in Ländern wie Bayern, Hessen oder auch Mecklenburg-Vorpommern mit steigenden Exklusionsquoten zu rechnen.

Andererseits stellen die Prognosen für die drei Stadtstaaten, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein sinkende Exklusionsquoten in Aussicht.
„In der Inklusion sehen wir große regionale Unterschiede zwischen den Ländern. Ob ein Kind eine Chance auf Inklusion hat, hängt in Deutschland maßgeblich vom Wohnort ab“, so Dräger. Deshalb müssten die Rechte und Wünsche von Kindern mit besonderem Förderbedarf noch konsequenter in den Blick genommen werden. Dies gelte auch und gerade für eine Beschulung während der Corona-Pandemie. Dräger fordert weiter eine bessere Koordination zwischen Bund und Ländern sowie gemeinsame Qualitätsstandards.
 
Das Sekretariat der Kultusministerkonferenz erstellt regelmäßig Dokumentationen und Auswertungen für den Schul- und Hochschulbereich. Für die vorgelegte Studie wurden drei aktuelle Dokumentationen erneut analysiert: Für die Ermittlung der Zeitreihen zur Exklusionquote auf Deutschlandebene und für die Bundesländer haben wir die Daten aus den beiden Veröffentlichungen „Schüler, Klassen, Lehrer und Absolventen der Schulen“ und „Sonderpädagogische Förderung in Schulen“ verwendet. Der Blick auf die Exklusionsquoten der kommenden Jahre basiert auf der „Vorausberechnung der Schüler und Absolventenzahlen“. Diese zeigt die voraussichtliche Entwicklung der Zahl der Schülerinnen und Schüler sowie der Absolventen der Schulen. Sie baut auf den Modellrechnungen der Länder zur Schülerentwicklung auf.

Um die Sichtweise deutscher Eltern auf schulische Inklusion zu ermitteln, befragte Infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung deutschlandweit 4021 Eltern schulpflichtiger Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 16 Jahren. Die repräsentative Befragung (Methode: CAWI - computergestützte Online-Interviews) wurde vom 26. Juni bis 13. August 2019, also zum Ende des Schuljahres 2018/2019, durchgeführt.
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Kommentare

25.06.2020, 12.19 Uhr
DonaldT | Inklusives lernen kommt nicht voran
Dafür aber der Beitritt zur "Flüchtlingskonvention".
Da Haben M+S keine Luft rangelassen - den Erfolg zeigt u. a. Stuttgart

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